Virtual Reality und die Wirklichkeit

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Menschen, die in einer virtuellen Umgebung sind, verhalten sich anders. Es ist Herbst in Berlin und die Internationale Funkausstellung ifa öffnete wieder ihre Tore. In einer Messehalle trug eine junge Frau eine Virtual Reality (VR) Brille. In ihrer Hand hielt sie ein Gerät, um mit der virtuellen Umgebung zu interagieren. Was in ihr vorging war von außen nicht zu sehen, denn VR Brillen umschliessen vollständig die Augen. Ein Display zeigte, was die junge Frau sah: eine Unterwasserwelt mit großen Meeresbewohnern wie Wale und Fische, die dicht an ihr vorbeischwommen.

Das Display zeigte eine große Qualle. Sie war gelb, hatte eine geriffelte Oberfläche und bewegte sich sehr langsam. Der VR Guide forderte die junge Frau auf, die Qualle zu streicheln. Nach einigen Versuchen berührte die junge Frau mit dem Gerät in ihrer Hand die geriffelte Qualle. Die Qualle hatte eine kleine Delle. Mit einem lauten Schrei sprang die junge Frau ein paar Schritte zurück, die Arme vor ihrem Körper verschränkt, ihren Kopf auf den Boden gerichtet, ihr Körper gekrümmt. Für außenstehende Betrachter war dies eine bemerkenswerte Reaktion, denn von außen war nichts Außergewöhnliches zu erkennen. Die junge Frau stand immer noch in einer Messehalle in Berlin – mit einer großen VR Brille auf dem Kopf. Was ist da passiert?

Virtual Reality als Zukunftstechnologie

Giraffatitan als Virtual Reality im Naturkundemuseum Berlin.

Virtual Reality ist eines der zentralen Digitalthemen dieses Jahres. Ein halbes Jahr nach den 360 Grad Videos führte Facebook in diesem Jahr die 360 Grad Fotos ein. Auf der ifa präsentierte Samsung seine VR Brille Gear für den Consumer Markt mehrfach: beim Kajakfahren durch einen reißenden Fluß, beim Achterbahnfahren und beim Bungee Jumping in einen Vulkan – ein virtueller Vulkan natürlich. Die Medizin setzt VR in der motorischen Rehabilitation von Schlaganfallpatienten ein, die in VR Trainings ihren Körper wieder zu steuern lernen. In der Industrie und in der Wissenschaft werden mit VR komplexe Prototypen entwickelt und getestet. Google Arts & Culture und das Museum für Naturkunde Berlin erweckten in dieser Woche mit Virtual Reality den Dinosaurier zum Leben. Längst ausgestorbene Arten werden durch VR neu erlebbar. Der verstaubte Museumsbesuch war gestern.

Virtual Reality ist eine 360 Grad-Technologie. Im Gegensatz zu 2D oder 3D wie Fernsehen, Kino oder Computerspielen geschieht in VR etwas nicht nur vor dem Menschen sondern auch hinter, über und neben ihnen. Abhängig von der VR Umgebung können sie sich in der VR bewegen, mit ihr interagieren und sie verändern. Anders als bei 3D Computerspielen, die durch eine Tastatur oder einen Stick gesteuert werden, sind in VR die visuellen und sensorischen Reize aus der natürlichen Umgebung weitestgehend abgeschirmt. Virtual Reality ist also ein rein künstlicher Raum, in dem nichts Reales ist – oder etwa doch?

Virtual Reality und der Körper

Beobachtet man Menschen, die sich zum ersten Mal in einer virtuellen Umgebung bewegen, ist nicht zu übersehen, dass virtuelle Realität etwas mit ihnen macht. Wie bei der jungen Frau auf der ifa sind Emotionen wie Neugierde, Spaß, Vorsicht, Freude, Schreck, Ekel und Überraschung an der Körpersprache oftmals deutlich erkennbar. VR wirkt auf ihr Empfinden und auf ihren Körper. Einige Menschen, die sich in einer virtuellen Umgebung bewegen, bleiben mit ihren Füßen stets auf dem Boden, um die Orientierung und das Gleichgewicht zu behalten. Andere Menschen reagieren mit Schwindel und mit Übelkeit, die Cybersickness. Diese Reaktionen sind umso erstaunlicher, da die Menschen vor dem Start der VR sich dessen bewußt sind, dass sie in einer künstlichen Umgebung sein werden und sie physisch an einem sicheren Ort sind.

Kognitionswissenschaftler haben herausgefunden, dass die Art und Weise wie wir sensorische Reize wie Fühlen, Sehen oder Hören mit unserem Körper aufnehmen, die Wahrnehmung unseres eigenen Körpers beeinflusst: Je schlüssiger und integrierter die multisensorischen Reize von uns verwertet werden, desto stärker fühlen wir uns an einem Ort präsent. „The mind gives rise to our presence in the world.“ Dies ist ein Grund, warum Emotion Design in der VR so wichtig ist.

Die Wirklichkeit von Virtual Reality

Cardboards für 360 Grad Videos.
Cardboards für 360 Grad Videos.

Obwohl manche Prozesse im Gehirn bei Erlebnissen in der virtuellen Realität anders verlaufen als Erlebnisse in der natürlichen Welt, unterscheidet unser Körper nicht zwischen real und virtuell erzeugten Erlebnissen. Dies ist ein Grund, warum die VR in der medizinischen Rehabilitation so gut funktioniert. Aus der Neuropsychologie wissen wir, dass unser Gehirn Dinge, die wir erleben, biochemisch repräsentiert. Jedes Erlebnis verändert die biochemische Konsistenz unseres Gehirns und damit verändert jedes Erlebnis unseren Körper.

Wenn wir nun Erlebnisse aus einer rein virtuellen Welt verarbeiten, wird die künstlich erzeugte virtuelle Realität durch unseren Körper physisch und VR wird damit zu einem Teil der natürlichen Welt. Virtuelle Realität wird durch uns zur Wirklichkeit. Sollte VR in Zukunft ein ganz normaler Bestandteil unseres Alltags sein, werden wir nicht zwischen virtuell und natürlich erzeugten Erinnerungen unterscheiden. Und auf dem Weg zur S-Bahn werden uns Menschen begegenen, die vielleicht noch an ihren gestrigen Auslug in die VR denken.

Die junge Frau auf der ifa nahm ihre VR Brille ab, nachdem sie die Qualle gestreichelt hatte. Sie schaute sich orientierend um und suchte den Blickkontakt mit den Menschen um sie. Ihre Augen waren ganz groß, sie atmete schnell und sie lachte. Sie brauchte eine Weile, um sich in dem Raum zu orientieren und sich an ihre Umgebung und an das Licht zu gewöhnen. Wer denkt, Virtual Reality sei nur ein Spielzeug für Gamer, irrt. Virtuelle Realität ist eine komplexe Technologie. Sie löst reale Emotionen aus und wirkt auf unseren Körper. Heute kennen wir einige Mechanismen, wie unser Gehirn und unser Körper auf VR reagieren. Aber wissen wir auch, wie Virtual Reality auf unserer Seele wirkt?