Lasst uns von Europa erzählen

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Nothing ever becomes real till it is experienced. Es war der Scunthorpe Evening Telegraph, der meine ersten journalistischen Texte gedruckt hat. Dort habe ich recherchiert, im Newsroom nach neuen Geschichten gesucht und in Interviews mit Lehrern vor Ort über Europa gesprochen. Es war das Jahr 1998 und die Zeit beim Scunthorpe Evening Telegraph war ein Teil des European Studies Program meiner Schule.

Die Generation des Maastrichtvertrages ist eine priviligierte Generation

Sieben Jahre lang haben wir nach dem regulären Unterricht in Projektgruppen, in Unterrichtsstunden und in Austauschprogrammen die Europäische Union, ihre Mitgliedstaaten deren Geopgraphie, Kultur und Sprachen kennen gelernt. Wir haben unsere Partnerschulen im Lincolnshire besucht, in Paris mit Politikern über die Notwendigkeit des kommenden Euro diskutiert und im Europäischen Jugendforum mit Jugendlichen aus ganz Kontinentaleuropa um Positionen gerungen. Es war nur wenige Jahre nach dem Vertrag von Maastricht, der maßgeblich für die Konstitution der heutigen EU war.

Die Generation des Maastrichtvertrags ist eine privilegiert Generation. Wir haben alle Freiheiten genießen können, welche die Generationen vor uns jahrzehntelang hart miteinander verhandelt haben. Das Ziel war ein friedliches Europa. Sie haben es geschafft: nie war das Leben in Europa so frei, friedvoll und offen wie in den 90er Jahren.

Die Wahl wurde in den ländlichen Gebieten gewonnen

Großbritannien hat vorgestern für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt. Selbst am Tag nach der Verkündung des Ergebnisses fällt es mir unglaublich schwer, sich die EU ohne Großbritannien vorzustellen. Aber es war eine demokratische Entscheidung, die es zu respektieren gilt. Die kommenden Monate werden zeigen, ob Schottland und Nordirland wieder dabei sind und was mit dem United Kingdom und dem British Empire passiert.

Die Wahl wurde in den ländlichen Gebieten gewonnen, berichtet es das ZDF. Viele Menschen sind dort der Meinung, dass die EU für sie nie etwas getan hat. Diese Aussage macht einen Europäer traurig und sie ist unter der Berücksichtigung der Fakten erstaunlich: seit Jahren sind die größten Ausgaben der EU-Haushalts die Strukturfonds mit der Förderung des ländlichen Raums. Großbritannien hat im Jahr 2013 insgesamt 6.308 Milliarden Euro von der EU erhalten, davon insgesamt 664 Millionen Euro aus den Strukturfonds. Wie kann es sein, dass die Menschen in Großbritannien, die sie erhalten haben, nichts davon mitbekamen?

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So mancher Brite war nach dem Referendum überrascht, dass seine Wählerstimme Auswirkungen hatte. Wie kann dies in dem Mutterland der Demokratie sein? In dem Heimatland von John Locke und Thomas Hobbes? Erst am Tag nach der Wahl fingen vor allem die Menschen in England an, die Bedeutung ihrer Wahlentscheidung zu googeln.

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Die junge Generation hat die Europäische Union verstanden

Um zu verstehen, wie der Brexit kommen konnte, lohnt sich ein Blick auf eine Befragung von YouGov, die etwa eine Woche vor dem Referendum die Menschen in Großbritannien nach ihren Wahlabsichten fragte. Die Befragung zeigt, dass 58% der über 65-Jährigen Männer nicht mehr Teil der Europäischen Union sein wollten. Dagegen wollten 64% der 18-24 Jährigen für den Verbleib in der Europäischen Union stimmen.

Die tatsächlichen Zahlen der Wahlentscheidung am Tag des Referendums gilt es abzuwarten. Wenn die Wahlabsichten und die tatsächliche Wahlentscheidung aber übereinstimmen, können wir eines mit Sicherheit sagen: die junge Generation hat Europa verstanden. Dies ist wichtig. Denn in ein paar Jahren werden sie es sein, die Europa in die Hand nehmen und gestalten. Es ist eine Generation, die im freien, friedvollen und offenen Europa groß geworden ist und den Mehrwert dieses großartigen Projektes selbst erfahren hat. Es ist nun an ihnen, sich nicht von der älteren Generation überstimmen zu lassen, sondern ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen.

Lasst uns von Europa erzählen!

Das Referendum von Großbritannien zeigt uns, dass die Menschen nicht die Details von komplexen politischen Prozessen verstehen muss, aber dass Politik bei den Menschen ankommen muss. Jede Regierung sollte dafür sorgen, dass die Menschen, von denen sie gewählt wurden, ihre Politik in ihrem Alltag erleben: in ihrer Heimat, in ihrer Familie und bei ihren Freunden.

Politiker können gar nicht oft genug in ihren Wahlkreis fahren und mit Menschen vor Ort sprechen. Politiker können gar keine Fehler machen, wenn sie neue Kommunikationskanäle testen, um die Menschen zu erreichen. Aber es sind nicht nur die Politiker, die dazu beitragen können, dass Politik bei den Menschen ankommt. Jeder von uns kann dazu beitragen, in dem er von seinem Europa erzählt. Jede politische Diskussion im Freundeskreis oder zu Hause ist es Wert. Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr Möglichkeiten, dass vor allem die ältere Generation Europa erleben kann. Denn erst wenn die Menschen Politik in ihrer eigenen Wirklichkeit erleben, hat Populismus keine Chance. Erst dann verstehen die Menschen politische Entscheidungen und die Bedeutung ihrer eigenen Wählerstimme.

Es war England, in dem meine ersten journalistischen Texte gedruckt wurden. Ich bin dankbar für die Zeit beim Scunthorpe Evening Telegraph und ich bin dankbar, dass ich so viel Europa erleben durfte. Vielen von uns geht es so und wir sollten all diese Erfahrungen nutzen, um Menschen davon zu erzählen und dieses freie und friedliche Europa, das wir kennen, gemeinsam weiter zu bringen. Denn: nothing ever becomes real till it is experienced. John Keats.