Das Warten der anderen

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Wir sind irgendwie unzufrieden. Vielleicht sind wir auch ein bißchen in Sorge. Um unser friedliches Leben und um unsere Zukunft in diesem Land.

Aufregung passt nicht in unser friedliches Leben

Die AfD und Pegida stören unseren friedlichen Alltag bei Latte Macchiato und Süddeutscher Zeitung. Sogar auf unserem Facebook Newsfeed wird neuerdings geschimpft. Es sind immer die gleichen Themen, seit Wochen. Dabei wollten wir doch eigentlich nur das neue Foto unseres Ausflugs an die Ostsee posten. Schöne Bilder von Strand und Sonne und die ersten Frühlingsboten. Dieses Geschimpfe verdirbt die gute Laune.

Aufregung passt nicht in unser friedliches Leben. Pegida oder die AfD? Das soll doch die Politik lösen. Seit 10 Jahren müssen wir uns eh nicht mehr so richtig mit Politik beschäftigen. Läuft ja alles ganz gut bei uns: schon die zweite Gehaltserhöhung in einem Jahr, der Umzug in eine grundsanierte Altbauwohnung und ein neues Designer Sofa. Manchmal klingt es komisch, was manche Freunde so sagen. Da finden wir uns auch nicht wirklich wieder. Aber wenn wir das jetzt ansprechen, gibt es nur Ärger und der schöne Abend ist dahin. Das wollen wir ja nicht.

Wenn diese Schreihälse wirklich so schlimm wären, würde doch der Verfassungsschutz etwas tun. Geheimdienste finden wir zwar grundsätzlich echt schwierig. Aber er bekommt schließlich unser Steuergeld und soll mal wirksam werden. Aber der kann einfach nichts. Ist ja auch ein deutscher Geheimdienst. War ja klar. Im Sommer gehts übrigens mit Freunden nach Südamerika. Das wird toll. Da gibt es auch keine Flüchtlinge oder Pegida oder die AfD.

Und wenn wir wiederkommen, und es wird immer noch so viel auf unserem Facebook Newsfeed geschimpft, dann wandern wir einfach aus. Kanada soll toll sein. Da wollen auch viele Amerikaner hin, wenn Trump Präsident wird. Dort können wir ganz in Ruhe und nur für uns eine kleine Farm betreiben. Unser Traum ist schon lange, eigenen Rettich anzubauen. Nachhaltig und ganz im Einklang mit der Natur. Und wenn wir Lust haben, aber auch nur dann, setzen wir uns in unser Auto und besuchen unsere lieben Nachbarn nebenan auf der 45km weit entfernten Farm. Da müssen wir uns auch nicht um Politik, Flüchtlinge, AfD oder Pegida kümmern. Das wird toll!

Wir dürfen nicht aufhören, hinzusehen und zu handeln

Es wird übrigens nicht toll. Denn dadurch wird sich nichts ändern. Es ist nicht die Politik, die Parteien, der Staat oder unsere Dienste, die versagen. Wir versagen als Gesellschaft gerade selbst, weil wir uns wehren, in unserem Alltag Verantwortung für unsere Werte zu übernehmen. So oft beklagen wir uns, dass „Politik“ doch gefälligst zu unserem Wohle handeln solle. Schließlich sind wir das Volk. Der Demos! Aber was soll die Politik noch machen, wenn sich der Demos mehr für seine Latte Macchiato oder seinen Cappuccino interessiert als für seine Werte?

Ja, Diskussionen unter Freunden und in der Familie sind anstrengend. Auch ein demokratisches System ist anstrengend. Ein Diskurs kann auch mal die gute Laune verderben. Aber das geht vorbei. Es gehört zu unserem gesellschaftlichen Zusammenhalt, dass wir nicht alles so machen können, wie wir es selbst für richtig halten. Das war Pippi Langstrumpf. Mittlerweile sind wir erwachsen geworden und es liegt an uns, diese Gesellschaft zu gestalten. Manche Dinge müssen wir aushalten. Aber wir dürfen nie aufhören, zu verstehen, was in unserer Gesellschaft gerade passiert und wir dürfen nie aufhören, für unsere Werte aktiv einzustehen.

Seid Demos

Es gibt kaum ein Land auf der Welt, in dem die Menschen so frei in Frieden, Vielfalt, Toleranz, Offenheit, Pluralismus und Rechtsstaatlichkeit leben können wie in Deutschland. Es darf keinen Hass mehr in Deutschland geben. Nicht gegen Juden, nicht gegen Muslime, nicht gegen Frauen, gegen gleichgeschlechtliche Paare oder gegen Flüchtlinge. Nein, auch nicht gegen Roma. Denn sie sind wie wir: einfach Menschen. Und wer sich nicht an unsere Gesetze hält, bekommt ein rechtsstaatliches Verfahren. Ganz einfach.

Es ist unser Erbe als Deutsche dafür einzustehen, dass linker oder rechter Populismus und Hass in Deutschland keinen Platz mehr haben. Wir haben gelernt, dass Schweigen, Weglächeln und Auswandern die falschen Wege sind. Es war eine schmerzliche Erfahrung, aber diese Erfahrung hat auch etwas Gutes: sie nimmt uns heute in die Pflicht und die Verantwortung, dass so etwas nie wieder passieren darf. Diese Erfahrung haben wir anderen Gesellschaften voraus.

Wir sind irgendwie unzufrieden. Vielleicht sind wir auch ein bißchen in Sorge. Um unser friedliches Leben und um unsere Zukunft in diesem Land. Es ist aber jetzt die Zeit, aufzuhören zu warten, bis andere etwas tun. Handelt selbst und führt die anstrengenden Gespräche mit Freunden und in der Familie, ob bei einem Bier, bei einer Latte Macchiato oder beim Ostereiersuchen. Und vor allem: seid Demos. Geht wählen.

 


Leseempfehlung: „’Grenzen dicht! Flüchtlinge raus!‘ Mit einem besorgten Bürger unterm Weihnachtsbaum“ von Carline Mohr.

Disclaimer: Die oben dargestellten Positionen sind fiktiv und spiegeln weder meine persönliche Mediennutzung, meine Einstellungen zu Institutionen oder meine Kaffeevorlieben wider.

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