Das Normativ der Überwachung

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Als Kapuzenpulloverträger gehört es in diesen Tagen zum guten Ton, in die Resistance gegen die vermeintliche Überwachung durch staatliche Behörden einzustimmen. Doch das vermittelte Normativ von guten oder bösen Daten ist das Festhalten an einer längst vergangenen Realität.

Daten gehören zu unserem Leben wie die Luft zum Atmen

Nachrichtendienste tun es, die Polizei tut es, Unternehmen tun es. Sie alle greifen auf personenbezogene Daten zu, die sie selbst erfassen oder durch Dritte erhalten. Es gibt jene Daten, die ohne unser Zutun entstehen: da sind die Videokameras in U-Bahnhöfen und an öffentlichen Plätzen. Luftfahrtunternehmen wissen, an welchem Tag wir von welchem Flughafen, mit welchen Personen gereist sind. Finanzdienstleister können nachvollziehen, in welchem Supermarkt wir zu welcher Uhrzeit für das Wochenende eingekauft haben und Telekommunikationsdienstleister können in Echtzeit orten, wo wir uns befinden und wer uns begleitet, mit wem wir telefonieren und wie hoch unser Datenvolumen ist.

Und dann gibt es jene Daten, die wir freiwillig zur Verfügung stellen: Uber weiß, wo wir wann, welches Taxi angefragt haben und wohin wir uns haben fahren lassen. Facebook kennt unsere Freunde, Google weiß, wonach wir suchen, Amazon kennt unsere Vorlieben und Nike+ errechnet unsere optimale Herzfrequenz nach Geschlecht, Alter und Größe. Energieversorger wissen, wann wir die Heizung in unserem Smart Home einschalten und erkennt anhand des Energie- und Wasserverbrauchs, ob wir Besuch haben. Daten gehören zu unserem Leben wie die Luft zum Atmen. Es wird keinen datenneutralen Alltag mehr für uns geben. Deswegen brauchen wir ein positives Konzept von Daten und wie wir mit ihnen umgehen wollen.

Wir brauchen ein positives Konzept von Daten

Personenbezogene Daten sind nicht böse. Daten erleichtern uns den Alltag. Sie ermöglichen uns eine große Flexibilität und große persönliche Freiheit. Ärzte können schneller und gezielter helfen, Apps können uns im Urlaub spontan die beste Bar in der Nähe empfehlen und unser Auto kann frühzeitig automatisiert bremsen, wenn ein Kind auf die Straße läuft. Um ein positives Konzept von Daten zu entwickeln brauchen wir eine breite und substantielle Aufklärung, was Daten sind.

Wir müssen transparent und verständlich machen, bei welchen Handlungen, welche Art von Daten, zu welchem Zeitpunkt entstehen und von wem sie gespeichert werden. Lasst uns erzählen, dass die Erfassung von personenbezogenen Daten nicht mit einer Überwachung gleichzusetzen ist. Dass die Nutzung und Zusammenführung von Daten Menschenleben retten kann und Big Data eine individuelle Datensicherheit nicht ausschließt. Denn was unserer Gesellschaft schadet, ist ein Normativ der Überwachung, sobald personenbezogene Daten entstehen und gespeichert werden.

Unsere Gesellschaft braucht Menschen, die sich sicher und geschützt fühlen

Wir leben in einem Rechtsstaat, der die Würde des Menschen unveräußerlich anerkennt (Artikel 1, Grundgesetz). Nicht ohne Grund ist das Recht auf das Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnis mit Artikel 10 ein Teil unserer Verfassung. Nicht ohne Grund gehören die Achtung des Privat- und Familienlebens mit Artikel 7 und der Schutz personenbezogener Daten mit Artikel 8 zur Charta der Grundrechte der Europäischen Union. Denn alle drei Normen erhalten und fördern unsere pluralistische und demokratische Gesellschaft.

Wir brauchen Menschen, die sich sicher und geschützt genug fühlen, gewohnte Denkpfade zu verlassen und bestehende Konventionen in Frage zu stellen. Nur so, können wir unsere Gesellschaft, unsere Wirtschaft und unsere Kultur weiter entwickeln und Neues hervorbringen. Menschen, die glauben, in einem restriktiven System zu leben, werden dies nicht schaffen. Daten werden die Grundlage unserer Wirtschaft sein. Es ist unsere Generation, die neue Geschäftsmodelle schaffen und ihre Eltern für diese Konzepte begeistern muss.

Das Ziel ist die Datensouveränität

Jeder sollte dazu in der Lage sein, ein Selbstkonzept für seine Daten zu entwickeln. Manche möchten ihre Daten weiter geben, manche nicht. Das Ziel muss eine individuelle Datensouveränität sein, ohne dass die Daten Dritter betroffen sind. Jeder sollte die Möglichkeit haben, seine Daten zu kennen, sie zu verschlüsseln und sie geschützt zu speichern. Dies gilt für Privatpersonen genauso wie für Unternehmen und für staatliche Behörden.

Die Architekten unserer Datensouveränität sind Systemadministratoren und Kryptologen. Sie kennen nicht nur die Backbones, die Internetprotokolle, die neuesten Technologien und Hintertüren sondern sie entwickeln jeden Tag unsere digitale Infrastruktur weiter. Das Know-How unserer Sysadmins und Kryptologen entscheidet darüber, wie sicher wir in Deutschland leben. Deswegen sollten TLS, SSH und PGP für niemanden, der sich mit Netzpolitik beschäftigt, Fremdwörter sein.

Ob mit oder ohne Kapuzenpullover

Während ich diesen Text schreibe, trage ich einen Kapuzenpullover. Meinen Lieblingskapuzenpullver. Und trotzdem bin ich gegen das aktuelle Normativ der Überwachung. Die anlasslose systematische Speicherung von Verbindungsdaten außerhalb geschäftlicher Zwecke der Diensteanbieter berührt unmittelbar unsere Menschenrechte. Keine Frage. Dies muss in einem demokratischen Prozess geprüft und geklärt werden.

Am Ende des Tages bringt uns das Normativ der Überwachung aber nicht weiter. Unsere Daten werden erhoben und gespeichert. Wir selbst erzeugen Daten und wir wollen sie nutzen. Deswegen brauchen wir ein positives Konzept von Daten, Vertrauen in unsere Datenkompetenz, die Möglichkeit, unsere Daten zu schützen und sie über unsere Datensouveränität zu steuern. Dies alles ist noch eine grüne Wiese. Da stehen wir noch ganz am Anfang. Ob mit oder ohne Kapuzenpullover.

Foto: Bangin, Wikimedia Commons.