Was ihr wollt

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Twitter hat jetzt einen Algorithmus. Sponsored Tweets erreichen dadurch die richtigen Menschen. Facebook hat Custom Audiences und Atlas, mit denen eine neue Dimension des Targetings und des Trackings möglich ist, und Swarm zeigt uns in unserem Newsfeed auf unser Alter und unser Geschlecht abgestimmte Werbeanzeigen. Es sind die legitimen Geschäftsmodelle von Unternehmen, um ihre kostenlosen Dienste zu monetarisieren. Wenn wir also diese kostenlosen Dienste nutzen wollen, dürfen wir uns über das Geschäft mit unseren persönlichen Daten nicht beschweren. Oder?

Das Misstrauen in Onlinedienste

Vor wenigen Tagen veröffentlichte das Deutsche Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI) eine Studie über das Verhältnis der Internetnutzer in Deutschland zu ihren Daten als Ware für Onlineangebote. Obwohl 97 Prozent der Befragten kostenlose Onlinedienste nutzen, heißen 80 Prozent das Geschäft mit den Daten nicht gut. Die Gründe hierfür sind die Angst vor dem Missbrauch der Daten (51 Prozent) und die Unwissenheit, wofür die Daten verwendet werden (50 Prozent).

Mit dem Datenschutzrecht in Deutschland scheinen sie einverstanden zu sein, denn 95 Prozent wünschen sich, dass auch ausländische Internetfirmen [sic!] sich an deutsche Datenschutzgesetze halten. Auch fordern sie strengere Datenschutzregeln von Unternehmen (95 Prozent) und eine strengere Verfolgung und Bestrafung von Datenmissbrauch von der Politik (97 Prozent). Diese Zahlen sind keine Überraschung.

PolitikinderPflicht
„Welchen dieser Aussagen würden Sie zustimmen?“

Kostenpflicht ist keine Lösung

Eine Überraschung ist es, dass die Mehrheit der Internetnutzer in Deutschland nicht bereit ist, Geld zu zahlen, auch wenn dadurch garantiert wäre, dass mit ihren Daten keine Geschäfte gemacht würden (61 Prozent). Die Mehrheit (59 Prozent) befürchtet, dass sie auch bei kostenpflichtigen Onlinediensten nicht weiß, ob ihre Daten wirklich sicher sind. Kostenpflicht bedeutet für deutsche Internetnutzer nicht Seriosität (79 Prozent).

Das Mißtrauen der Internetnutzer in Deutschland gegenüber Onlinediensten ist groß. Und zwar unabhängig davon, ob sie für Datenschutz Geld zahlen oder nicht. Eine wichtige Botschaft an jene Unternehmen, die Produkte planen, deren alleiniges Geschäftsmodell kostenpflichtiger Datenschutz ist. Was die Internetnutzer in Deutschland wollen, ist mehr Transparenz von Unternehmen, was mit ihren Daten geschieht (93 Prozent).

Es geht um mehr Transparenz

In der politischen Debatte werden Datenschutz und Big Data oft als nicht miteinander zu vereinbarende Pole gegenüber gestellt. Die Studie zeigt aber, dass fast alle Internetnutzer bereit sind, ihre Daten den Unternehmen zur Verfügung zu stellen. Lediglich das Geschäft mit den Daten wird kritisiert. Wenn also nicht Big Data als die Erhebung und Verarbeitung von Daten im Sinne einer E-Business Intelligence Strategie zur Optimierung der Unternehmens- und Produktprozesse das Problem für die Internetnutzer in Deutschland ist, müssen wir von einem anderen Zielkonflikt beim Thema Datenschutz ausgehen.

Auf Grundlage der Studie liegt der Zielkonflikt im Bereich Datenschutz vielmehr zwischen Datenschutz und dem Geschäft mit Daten. Das einzige, was hier hilft, ist Transparenz. Und dabei geht es nicht darum, alle Geschäftsmodelle oder Datawarehouses offen zu legen. Sondern es geht um die grundsätzliche Information der Nutzer darüber, was mit ihren Daten geschieht. Sofern diese Transparenz gegeben ist, und die Nutzer das Gefühl haben, dass sie wissen, was mit ihren Daten geschieht, scheinen sie mit der Nutzung ihrer Daten im Rahmen des deutschen Datenschutzrechts einverstanden.

Die Menschen wollen selbst entscheiden

Für die Politik ist das eine gute Nachricht. In Deutschland leben Menschen, die bewusst und eigenverantwortlich mit ihren Daten umgehen wollen. Offensichtlich geht es ihnen nicht um schärfere Datenschutzrichtlinien, um höhere Hürden für Unternehmen bei der Datenerhebung oder um eine Regulierung. Sie wollen einfach selbst entscheiden, wem sie ihre Daten geben. Ob diese Selbstbestimmung top down durch mehr Transparenz von Unternehmen umgesetzt wird oder bottom up über die Selbstverwaltung der eigenen Daten, gilt es langfristig zu klären.

Wie es Google macht

Google hat das Bedürfnis der Menschen nach mehr Transparenz schon vor einiger Zeit erkannt. Das Unternehmen gibt seinen Nutzern die Möglichkeit, die Erhebung ihrer Daten bei Suchanfragen, besuchten Orten oder genutzten Geräten einzusehen und auf Wunsch zu unterbinden. Zwar bleibt der Nutzer in Unkenntnis, was mit den Daten weiter passiert. Google geht mit der Offenlegung der Nutzerdaten aber einen ersten Schritt in Richtung Transparenz und ist damit in seiner Datenschutzpolitik vielen anderen Unternehmen einen Schritt voraus.

Fasnetrufer in Freiburg.
Fasnetrufer in Freiburg im Breisgau.

Was ihr wollt

Die Klagen über sponsored Tweets, das Spiel der Algorithmen und über Werbeanzeigen im Newsfeed wird es wahrscheinlich so lange geben, wie das Internet selbst. Und ja: wir dürfen uns über das Geschäft mit unseren Daten beschweren, solange wir nicht wissen, was mit ihnen geschieht. Bei all den bunten Regenbogen und niedlichen Einhörnern, mit denen wir täglich zu tun haben, dürfen wir aber eines nicht vergessen: Onlinedienste sind nicht aus sozialer Wohltätigkeit entwickelt worden. Sie sind erfolgreiche Geschäftsmodelle, um Gewinn zu erwirtschaften. Dabei werden jene Unternehmen in Deutschland langfristig Erfolg haben, die transparent mit ihrer Datenverwertung umgehen.

Shakespeares Theaterstück „Was ihr wollt“ heißt im englischen Original übrigens “Twelfth Night“. Die zwölfte Nacht wird heute noch im schwäbisch-alemannischen Karneval gefeiert. Es ist der Beginn der Maskierungen, bei denen die Menschen ihre Identität wechseln und als Narren in ihrem Häs durch den Schwarzwald ziehen. Malvolio, der sich in „Was ihr wollt“ am stärksten für Ordnung und Disziplin einsetzt, ist am Ende ein gebrochener Mann. Datenschutz hat manchmal mehr mit Shakespeare zu tun, als wir denken.


Foto „Fasnetrufer in Freiburg im Breisgau“: Tabea Wilke
Gemälde „The Duel Scene“: William Powell Frith (Wikimedia Commons, bearbeitet)

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