Was uns unsere Daten wert sind

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Ich mag Swarm. Vor ein paar Tagen checkte ich in einem meiner Stammkaffees ein, um noch ein paar Dinge abzuarbeiten. Mit einem tollen Cappuccino sollte es an die Arbeit gehen. Völlig unerwartet kam ein Freund in das Kaffee und direkt auf mich zu: „Ich war gerade in der Nähe und habe deinen Check-In gesehen. Da dachte ich, schaue ich mal vorbei!“ Wir saßen eine ganze Weile zusammen und haben bei herrlichem Sommerwetter über die neuesten Entwicklungen geplaudert. In dem viel zu eng getakteten politischen Berlin – gibt es etwas Besseres als solche Begegnungen?

Der Schwarm der Aus-Checker

Wer heute Swarm nutzt, schwimmt gegen den Strom. In diesem Sommer vergeht kaum ein Tag ohne einen Blogbeitrag, ein Facebookposting oder einen Tweet, mit dem nicht die Abkehr vom ortsbasierten digitalen sozialen Netzwerk Foursquare, der neuen Schwester-App Swarm oder beides kundgetan wird. Richard Gutjahr schrieb vom Friedhof der Bürgermeister und Johannes Eydinger von gleich mehrfachen Rücktritten als Bürgermeister. Auch von Protesthandlungen ist zu lesen, damit Foursquare seine Produktstrategie ändert. Der Schwarm der Aus-Checker ist ein Schwarm von enttäuschten Mayors ohne Town Hall, von unterforderten Badges–Sammlern ohne Trophäe und von verärgerten Anwendern mit zu kurzer Akkulaufzeit. Sie haben alle Recht. Oder?

Swarm ist eine Community App

Seit dem Launch von Swarm Mitte Mai zeigt sich Foursquare nur noch als Check-In-Tagebuch und als bebildeter Reiseführer. Dies ist ein großer Verlust. Wenige Wochen später und ohne Vorankündigung des Unternehmens war das Einchecken nur noch über Swarm möglich. Die Geolokalisation dauert viel zu lange und funktioniert bis heute nicht richtig (ich wohne derzeit mitten im Mauerpark). Allerdings bietet Swarm mit dem Dating-Messaging „Erstellen von Plänen“ und das Livetracking von Freunden „Umgebung-Teilen“ neue Funktionen. Beide Tools machen spontane Verabredungen mit Freunden einfacher. Die Fußball-Weltmeisterschaft brachte charmante Event-Badges und nach der großen Protestwelle ist eine Variante des Mayors wiedergekommen. Swarm ist im Gegensatz zu Foursquare eine reine Community App. Die Usability ist nicht optimal, keine Frage. Aber mit ein bißchen Geschick in den Einstellungen des Smartphones lässt sich der Akkuverbrauch der App reduzieren.

SwarmCommunity

Die Argumente überzeugen nicht

Die Kritiker werfen Foursquare vor, eine erfolgreiche App kaputt konzipiert und die Community in der Produktweiterentwicklung nicht mitgenommen zu haben. Sie haben Recht. Und trotzdem überzeugen mich die Argumente der Foursquare Aus-Checker nicht. Wer den Battle um Badges vermisst, dem kann ich eine Runde Cut the Rope empfehlen. Wer zeigen will, dass er der Mayor ist, für den wäre vielleicht das Quizduell eine Alternative. Stört das Look & Feel, ist eine Rückmeldung über den App Store möglich. Und wer immer noch einen zu großen Verbrauch des Akkus bei der Anwendung von Swarm hat, der kann mir gern auf Twitter schreiben. Das wirklich Bemerkenswerte an dem Schwarm der Foursquare-Aus-Checker ist nicht, dass sich viele Menschen gleichzeitig von einem ortsbasierten digitalen sozialen Netzwerk abmelden. Das wirklich Bemerkenswerte sind ihre Gründe.

Schmerzgrenze Gamification

Dem Schwarm geht es um den Verlust von Gamification, Look & Feel und Usability. Solange diese drei Faktoren stimmten, war es in Ordnung, persönliche Daten einem Unternehmen zu schenken, die sie „keinem Geheimdienst gegeben hätten“ (Gutjahr). Der Deal der kostenlosen Nutzung gegen persönliche Daten findet seine Grenzen, sobald der Spaßfaktor wegfällt. Daraus kann der E-Commerce viel lernen. Denn jene App, die diese Erwartungen erfüllt, so ist zu lesen, wird gerne angenommen. Was ist heute der Wert, dem wir unseren persönlichen Daten geben?

Unabhängig davon, wie ehrlich und häufig Swarm genutzt wird, erfasst Foursquare einen beachtlichen Grundstamm von personalisierten Daten und Informationen. Besonders wertvoll ist die Verknüpfung zu anderen sozialen Netzwerken, insbesondere zu Facebook. Abhängig von der Nutzung zeigen die Daten nicht nur wer, wann, wo, mit wem war, sondern auch die Vorlieben für Restaurants, Clubs und die Freizeitgestaltung und geben Informationen über den persönlichen Tagesablauf und den individuellen Schlafrhythmus. Eine Auswahl (Foursquare Datenschutzrichtlinien):

Auswahl an Profildaten, die Foursquare erhebt.
Auswahl an Profildaten, die Foursquare erhebt.

Datenschutz als hinfälliges Konzept?

Politik, Unternehmen und zivilgesellschaftliche Akteure entwickeln derzeit ein Konzept, wie wir als Gesellschaft mit den Herausforderungen der Digitalisierung in Zukunft umgehen wollen. Die Digitale Agenda ist eines der wichtigsten politischen Zukunftsprojekte in Deutschland. In dem aktuellen Entwurf beschreibt die Bundesregierung, wie sie mit einer Datenschutz-Grundverordnung einen modernen Datenschutz auf hohem Niveau für die Bürger entwickeln, umsetzen und gewährleisten will. Dabei wird sie die Datenverarbeitung über Big Data, Profilbildung und Web Tracking berücksichtigen (S. 25).

Die Argumentationslinien der Foursquare-Aus-Checker von Swarm machen deutlich, dass die Grenzen ordnungspolitischen Handelns im individuellen Nutzungsverhalten der Bürger liegen. Denn die Diskrepanz zwischen dem Ruf nach mehr Datenschutz und unserem täglichen Verhalten in der digitalen Welt ist groß. Die Herausforderung von Datenpolitik wird in den kommenden Jahren sein, einen Weg zu finden, einerseits den Schutz für Bürger zu gewährleisten, die kein großes Interesse an den Mechanismen der digitalen Welt haben, und andererseits Freiräume zu schaffen, in denen Heavy User selbst entscheiden können, wem sie ihre persönlichen Daten zur Verfügung stellen. Bürger können nur so viel Datenschutz und Privatsphäre verlangen, wie sie selbst durch ihr Verhalten zulassen.

Entwurf der Digitalen Agenda.
Entwurf der Digitalen Agenda.

Ich bleibe bei Swarm

Der Schwarm der Foursquare-Aus-Checker gibt uns eine gute Gelegenheit darüber nachzudenken, welchen Wert wir unseren persönlichen Daten geben und für welchen Preis wir bereit sind, sie zu verschenken. Er ist auch ein Hinweis darauf, welchen Herausforderungen die Datenpolitik in Deutschland begegnen wird. Wir stehen noch ganz am Anfang.

Die Kritik des Schwarms, der sich bei Foursquare ausgescheckt hat, ist berechtigt. Wer aber Foursquare aus wirklicher Überzeugung genutzt und das datenschutzrechtliche Harakiri in Kauf genommen hat, der ist zu früh ausgestiegen. Ist Glympse datenschutzrechtlich sicherer? Eher nicht. Hatte Latitude ein viel besseres Look & Feel als Foursquare und Swarm zusammen? Absolut! Wird Google mit dem neuen Update von Maps eine qualitativ hochwertige Alternative entwickeln? Davon ist auszugehen. Aber wer von uns hat sich von Facebook abgemeldet, weil wir dort immer noch auf einen Hamburgerbutton tippen müssen?

Ich mag Swarm. Und für solche Begegnungen wie vor ein paar Tagen in dem Kaffee bin ich gerne bereit, einen Teil meiner persönlichen Daten an Swarm zu verschenken. Wir dürfen gespannt sein, wie Foursquare die Kritik der Community in eine erfolgreiche Produktentwicklung umsetzten wird. Bis dahin bleibe ich bei Swarm.

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