Unser digitales Erbe

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Unser digitales Leben ist ein Teil unserer Identität geworden. Wenn wir sterben, leben unsere Profile im Social Web weiter. Die Antwort, was mit unserem digitalen Erbe nach unserem Tod geschehen soll, ist nicht einfach. Denn im Social Web betrifft es gleichzeitig das digitale Leben anderer.

Es gibt eine neue To-Do-Liste für Angehörige von Verstorbenen

Es war an einem dieser schönen Frühlingstage im Mai, als ich mobil mehrere Anrufe von der Mutter eines Freundes erhielt. Meine beruflichen Termine waren an diesem Tag nahtlos aneinandergereiht. Erst am Abend, als ich gemeinsam mit Freunden auf einer Veranstaltung war, hatte ich Zeit, zurück zu rufen.

Sie entschuldigte sich, dass sie mich mehrfach angerufen habe, aber sie wolle mir Bescheid geben, dass ihr Sohn nicht mehr lebt. Er war in meinem Alter und erst vor kurzem haben wir noch auf Facebook miteinander gechattet. Ihm ging es seit Jahren nicht gut, deswegen kam die Nachricht nicht unerwartet. Sie kam aber plötzlich. Und so stand ich mitten im politischen Berlin, in einem Flur mit Blick auf das Catering und versuchte Worte für eine Mutter zu finden, die gerade ihren Sohn verloren hatte. Nach dem Telefonat verließ ich den Flur und mischte mich wieder unter die Menschen auf der Veranstaltung. Erst viel später kam die Nachricht bei mir an.

Wenige Tage nach dem Anruf wurde schnell klar, dass es neben den traditionellen Formalia einer Bestattung heute eine neue To Do Liste für die Angehörigen von Verstorbenen gibt: was soll aus den digitalen Profilen bei Facebook, Twitter und Xing werden? Die Familie entschied sich dafür, die Profile zu löschen und bat mich, alles dafür in die Wege zu leiten.

Das digitale Erbe erhalten – um jeden Preis?

Aber wie wird es sein, wenn die digitalen Profile dieses Freundes gelöscht werden? Auf Facebook wird er nicht mehr „mein Freund“ sein. Seine Bilder und Videos, seine Markierungen auf meinen Fotos, gemeinsame Veranstaltungen, unsere Chats und seine Kommentare werden vermutlich auch verschwinden. Die Löschung seines Profils wird direkte Auswirkungen auch auf meine digitale Geschichte bei Facebook haben. Er wird kein Teil meiner digitalen Erinnerungen mehr sein. Gleichzeitig ist die Vorstellung befremdlich und traurig zugleich, das Profil eines toten Freundes zu sehen.

Wir müssen uns die Frage stellen, wie wir mit unserem digitalen Erbe nach dem Tod umgehen wollen. Die Erinnerungen an den Menschen leben nach seinem Tod weiter – warum sollten nicht auch seine digitalen Erinnerungen weiter leben? Wenn ein digitales Profil datenkompetent angelegt ist und es keine privaten sondern nur persönliche Informationen, Bilder und Videos enthält, die alle öffentlich sein könnten, würde ein Profil auch ein schönes Erinnerungsalbum sein. Facebook hat für dieses Bedürfnis den Status „Gedenkzustand“ entwickelt: Das Profil bleibt erhalten und Stories können von Freunden weiter geteilt werden. Aber möchte man das?

Es gibt gute Gründe, digitale Profile von Menschen zu löschen, die nicht mehr leben. Das soziale Netzwerk wird vor skurrilen Freundesvorschlägen geschützt und die Inhalte des Toten sind nicht mehr zugänglich und dadurch nicht mehr teilbar. Klar ist, dass die personalisierten Daten, die soziale Netzwerke speichern, von Zweiten oder Dritten bereits weltweit verwendet und weiter genutzt werden.  Die Löschung eines Profils verhindert aber das Entstehen neuer Daten und schützt die digitale Identität des Toten.

Kein Recht auf Vergessen

Auch wenn es mir schwer fällt: ich werde die digitalen Profile meines verstorbenen Freundes löschen. Maßgeblich sind für mich dabei der Schutz der Familie und Freunde vor den skurrilen Aktivitäten von Algorithmen und der Schutz seiner persönlichen Inhalte und Daten. Seine Texte, Ereignisse, Fotos und Videos werde ich sichern, um sein digitales Erbe zu erhalten. Denn ein Recht auf das Löschen von Daten sollte es geben, nicht aber ein Recht auf Vergessen.


Foto: Marius Lordache (Wikimedia Commons, bearbeitet)