Wenn die Moral nicht wäre

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Das politische Berlin hat ein neues Thema gefunden: Datensicherheit. Doch die Politik kann nur wenig bewegen, wenn die Community nicht beginnt, gemeinsam Lösungen für den digitalen Wandel der Gesellschaft zu entwickeln. Dafür braucht es einen moralfreien Diskurs über die technischen Möglichkeiten.

Das politische Berlin sucht nach Lösungen

Nachdem das Ausmaß klar war, in dem deutsche Bürger von US-Amerikanischen und britischen Geheimdiensten überwacht wurden, waren es zunächst NGOs und politische Stiftungen, die im Herbst letzten Jahres Konferenzen einberiefen, Aktivisten zusammen trommelten und anfingen, Datensicherheit und Privatsphäre auf die politische Agenda zu setzten. Seit die Regierung im Februar einigermaßen arbeitsfähig ist, haben auch Ministerien, Hauptstadtrepräsentanzen von IT- und Telekommunikationsunternehmen, Banken und Verbände begonnen, Veranstaltungsformate über Datensicherheit zu entwickeln. Kaum eine Sitzungswoche vergeht, in der nicht mindestens drei Veranstaltungen von namenhaften Akteuren in der Hauptstadt stattfinden.

Die Public Affairs Abteilungen der Unternehmen zeigen mit ihren Kommunikationsstrategien dabei viel Kreativität, von „Wir sind selbst Opfer von chinesischen Hackern“ über „Wir sind nicht böse, mit uns kann man reden“ bis hin zu „Bei uns sind Daten sicher, nur die Politik muss etwas tun“. Manche dieser Veranstaltungen zwingen einen, die Sinnfrage zu stellen. Nur wenige Unternehmen haben das Thema rechtzeitig verstanden und pflegen seit Jahren den aufrichtigen Dialog mit Digitalen und Politikern. Sie profitieren jetzt von ihrem stabilen Netzwerk. Und die Politik?

Mit der 18. Legislaturperiode sind fraktionsübergreifend einige junge, engagierte Politiker im Bundestag, die den digitalen Wandel der Gesellschaft gestalten wollen. Mit dem NSA-Untersuchungsausschuß können sie zwar die Themen in der öffentlichen Wahrnehmung halten und mit dem Breitbandausbau oder der Förderung der digitalen Bildung von Kindern und Lehrern wichtige Schritte gehen. Doch der Koalitionsvertrag und die Befugnisse des Ausschusses Digitale Agenda haben ihnen enge Grenzen gesetzt. Wie soll die Politik auch etwas bewegen, wenn nicht einmal die Community Lösungen entwickelt?

Es ist unser Thema

Wir, die wir täglich im Neuland arbeiten, wissen selbst noch nicht, wie wir mit der Moral in unserem Job umgehen sollen. Die Schockphase nach den Snowden-Veröffentlichungen dauerte lange und nur wenige sind heute bereit, über konkrete Lösungen nachzudenken. Die meisten von uns werden morgen früh aufstehen und wieder alles aus Google Analytics und Radian6 herausholen, raffinierte Algorithmen für Jobs entwickeln, neue Datawarehouses aufsetzen und nicht darüber nachdenken, was wir getan haben. Dabei müssen wir kein schlechtes Gewissen haben. Denn nur, wenn wir weiter Experten der Technologien bleiben, können wir Lösungen für die Herausforderungen des digitalen Wandels der Gesellschaft finden.

Das neue Thema im politischen Berlin ist unser Thema. Es ist jetzt der richtige Zeitpunkt, mit politischen Akteuren in den Dialog zu treten und wichtige Weichen zu stellen, wie die Politik in den kommenden Jahren mit Datensicherheit, Privatsphäre und dem digitalen Wandel der Gesellschaft umgehen soll. Solange wir uns aber nicht zusammenschließen, kann die Politik kaum etwas anderes tun, als Kompetenzen aufzubauen, zu Veranstaltungen zu gehen und das neue Thema auf der politischen Agenda zu halten.


Foto: Rob H. (Wikimedia Commons)