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Die über 70 Jährigen entscheiden Wahlen

Rechtzeitig zu den finalen Vorbereitungen der Parteizentralen für die kommenden Wahlkämpfe veröffentlicht das Statistische Bundesamt neue Zahlen über die Wählerstruktur der Bundestagswahl 2013. Ein Aspekt dieser Studie zeigt die Stimmverteilung nach Altersgruppen. Zum ersten Mal wurde das Wahlverhalten der über 70 Jährigen erfasst.

Die Analyse der Zahlen bringt drei Erkenntnisse: erstens, die Bedeutung der über 70 Jährigen für den Ausgang von Wahlen ist groß. Zweitens, eine Partei, die überwiegend alte Wählerinnen und Wähler für sich gewinnt, muss nicht als Sieger aus der Wahl hervorgehen. Drittens, mit zunehmendem Alter der Wählerinnen und Wähler sinkt die Bereitschaft, alternative Parteien zu wählen.

Die Wählergruppe der Superlative?

Die über 70 Jährigen sind mit fast 13 Millionen Menschen die größte Gruppe der Wahlberechtigten in Deutschland. Bei der Bundestagswahl 2013 war sie mit 21, 4 Prozent die aktivste Altersgruppe. Dabei lag der Anteil der über 70 Jährigen, die zur Wahl gegangen sind, bei nur 74,8 %. Im Vergleich zu den 60-70 Jährigen (79,8 %) und den 50-60 Jährigen (75,2 %) ist dies Platz drei. Doch welche Parteien haben die über 70 Jährigen gewählt?

Bundestagswahl 2013: Wahlbeteiligung nach Altersgruppen.
Bundestagswahl 2013: Wahlbeteiligung nach Altersgruppen.

Die Verteilung der Zweitstimmen auf die Parteien nach Altersgruppe zeigt, dass mehr als die Hälfte der über 70 Jährigen die Union gewählt haben (51,6 %). Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Union die älteste Wählerstruktur hatte. Dafür lohnt ein Blick auf den Anteil der Altersgruppen an den Wahlergebnissen der einzelnen Parteien.

Der Abschied von Altersklischees

Sowohl die CDU als auch die CSU bekamen bei den über 70 Jährigen die meisten Stimmen (insgesamt 51,9 Prozent). Innerhalb der Wählerschaft der Union hatte die Altersgruppe der 60-69 Jährigen den zweitgrößten Anteil (43,1 %). Bemerkenswert ist aber die Anzahl von Wählerstimmen für die CDU und die CSU bei den 35-45 Jährigen. In dieser Altersgruppe erzielte die Union mit 40,4 Prozent ihr drittbestes Ergebnis.

Bundestagswahl 2013: Zweitstimme nach Parteien und Altersgruppen.
Bundestagswahl 2013: Zweitstimme nach Parteien und Altersgruppen.

Ein anderes Bild zeigt sich bei der SPD. Sie gewann insgesamt weniger Wähler als die Union, überzeugte aber vor allem Ältere. Die meisten Stimmen erhielt die SPD von den 60-69 Jährigen (28,4 %), gefolgt von den über 70 Jährigen (28,3 %) und den 45-60 Jährigen (26,3 %). Im Verhältnis betrachtet, hatte die Union bei der letzten Bundestagswahl eine jüngere Wählerschaft als die SPD. Um eine Wahl zu gewinnen, reicht es also nicht, überwiegend ältere Wählerinnen und Wähler anzusprechen.

Die über 70 Jährigen wählten etablierte Parteien

Der größte Unterschied zu den Ergebnissen der Union und der SPD ist die Wählerstruktur von Bündnis 90/Die Grünen. Es erhielt bei den über 70 Jährigen die wenigsten Stimmen (3,3 %), genauso wie Die Linke (6,7 %). Im Gegensatz zu beiden Parteien holte die FDP bei den über 70 Jährigen den größten Stimmenanteil (5,2 %).

Doch wie hoch war die Bereitschaft der über 70 Jährigen, alternative Parteien zu wählen? Lediglich 4,6 Prozent der Stimmen von über 70 Jährigen fielen auf Parteien wie die Piraten, die AfD oder die NPD. Im Vergleich zu den anderen Altersgruppen war dies der geringste Wert. Daraus lässt sich schließen, dass über 70 Jährige eher etablierten Parteien wählen.

Das Silver Age und die digitale Kommunikation

Die Mehrheit der über 70 Jährigen kam in ihrem Berufsleben ohne einen Computer, ein Smartphone oder das Internet aus. Aktuelle Studien zeigen aber, dass das Silver Age den neuen Technologien und der digitalen Kommunikation aufgeschlossen ist. Die Informiertheit spielt für die über 70 Jährigen eine wichtige Rolle. Fast die Hälfte von ihnen rufen ihre E-Mails mobil von unterwegs auf. Sie informieren sich mobil über das aktuelle Tagesgeschehen, recherchieren Fakten mobil mit Suchmaschinen und fast ein Drittel von ihnen nutzt Wikipedia als Nachschlagewerk. Für die über 70 Jährigen ist es wichtig mit der Familie in Kontakt zu sein. 13 Prozent von ihnen nutzen dafür soziale Netzwerke wie Facebook und kommunizieren über WhatsApp. Genauso viele besuchen Videoportale wie zum Beispiel YouTube.

Digitale Kommunikation und die über 70 Jährigen.
Digitale Kommunikation und die über 70 Jährigen. Quelle: http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/index.php?id=439

Die Wählergruppe der über 70 Jährigen wird wachsen. Deswegen lohnt sich ein Blick auf das Nutzerverhalten der etwas Jüngeren. Zwei Drittel der über 65 Jährigen ist in einem sozialen Netzwerk angemeldet und fast die Hälfte von ihnen nutzt es aktiv. Mehr als die Hälfte der über 50 Jährigen sind täglich im Social Web, die meisten davon bei Facebook (59 %). Mehr als ein Drittel nutzt Facebook, um sich über das aktuelle Tagesgeschehen zu informieren, fast ein Drittel ist dabei mobil unterwegs. Zwischen Juni 2012 und März 2013 verzeichnete Twitter bei den 55-64 Jährigen ein Wachstum von 79 Prozent.

Das Social Web und die über 50 Jährigen.
Das Social Web und die über 50 Jährigen. Quelle: http://www.bitkom.org/de/markt_
statistik/64018_77778.aspx

Die wachsende Wählergruppe

Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes über das Wahlverhalten der einzelnen Altersgruppen haben für die Parteizentralen eine neue Wählergruppe in den Fokus gerückt. Die über 70 Jährigen bestimmen in Deutschland eher selten die Themenagenda, entscheiden nur in Ausnahmefällen über das wirtschaftliche Geschehen und stehen bei Bürgerinitiativen nicht oft in der ersten Reihe. Sie sind aber eine Wählergruppe, die wächst und die in Deutschland Wahlen entscheidet.

Beteiligen sich über 70 Jährige an der Wahl, haben ihre Stimmen allein durch die Anzahl der Wahlberechtigten ein großes Gewicht. Gehen sie nicht zur Wahl, werden andere Altersgruppen überproportionalen Einfluss auf das Wahlergebnis haben.

Die Herausforderung der Parteien liegt nun in der Verankerung dieser Wählergruppe in ihre Wahlkampfstrategie. Jede Überlegung lohnt sich, welche Themen des Wahlprogramms die  Interessen der über 70 Jährigen ansprechen, über welche weitere Wählergruppe sie erreicht und wie sie in die Mobilisierung von Wählerstimmen einbezogen werden können.


Weiterführende Links:
Informationen des Bundeswahlleiters, Bundestagswahl Heft 4
ARD/ZDF-Onlinestudie 2013
BITKOM. Soziale Netzwerke – Dritte, erweiterte Studie
 

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