Roadmap für die #rpTEN

Die re:publica. Jedes Jahr im Mai reist die Netzgemeinde nach Berlin. Wir essen Hauptstadt-Burger, testen die Akkukapazität des neuen Smart Phones und befüllen alle trendigen social networks mit kreativsten Content. Ach ja. Und neben dem großen Wiedersehenshallo und dem Flaschematetrinken diskutieren wir über die Digitalisierung und was sie mit unserer Gesellschaft macht, über Netzpolitik und über den Journalismus in der digitalen Kommunikation.

Lasst uns Mate trinken

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Es ist ein Klassentreffen der besonderen Art: Aktivisten und Blogger treffen auf Netzpolitiker und Digitale. Es geht um die Themen der Zukunft. Unternehmen wie Google, IBM oder Microsoft und Organisationen wie die Konrad-Adenauer-Stiftung sind in diesem Jahr auch vor Ort. Die große Kunst ist es, alte Bekannte, ehemalige Kollegen und den persönlichen Snapchat Guru nicht nur auf Twitter zu sehen, die tollsten Sessions nicht zu verpassen und mit viel re:publica Spirit wieder nach Hause zu fahren.

Wichtige Speaker fehlen

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Die re:publica wird in diesem Jahr 10 Jahre alt. Der genaue Blick in das Programm zeigt, dass die re:publica ihrer dogmatisch politischen Ausrichtung auch nach 10 Jahren treu bleibt. Leider fehlen in diesem Jahr relevante Speaker und damit ihre Impulse für die Digitalgemeinde. So dürfen wir auf nächstes Jahr hoffen und auf die Sessions des Aktivisten Jacob Appelbaum zu einem Zukunftsentwurf der Menschenrechte in einer digitalisierten Gesellschaft, auf die Metaperspektive der Feministin Eva Horn, was das Social Web mit unseren Beziehungen macht und auf die Zukunftsideen für den Journalismus der Digitaljournalistin Lina Timm.

Diese Sessions könnten spannend werden

Die selektive und absolut subjektive Roadmap für die #rpTEN. Lunch not included.

Montag, 2. Mai 2016

10:00-11:30 Opening: WELCOME EVERYBODY!
Das große Wiedersehenshallo. Nicht verpassen. Dauert immer länger als geplant.
Mit Tanja Haeusler, Andreas Gebhard, Johnny Haeusler, Markus Beckedahl, Helge Jürgens.

12:15 – 13:15 FIGHT FOR YOUR DIGITAL RIGHTS
Der netzpolitische Impuls der Veranstalter. Es geht um die Vorratsdatenspeicherung, die Netzneutralität, Zensursula und ACTA und ob und wenn ja, warum die Debatten immer wiederkommen.
Mit Markus Beckedahl.

13:30 BIS 14:30 AFRICAN ELECTIONS AND SOCIAL MEDIA SHUTDOWNS
Die Rolle von Internet und Social Media bei Wahlen in Uganda, Kenia und Simbabwe und was die Internetaktivisten vor Ort tun.
Mit Christian Echle.

14:00 BIS 14:30 LET’S SNAP IT: HOW ORGANISATIONS CAN USE SNAPCHAT
Wer Snapchat noch nicht kennt und wissen möchte, wie man es für Organisationen einsetzen kann. Franziska Broich erzählt von ihren Erfahrung mit Snapchat in der politischen Kommunikation.
Mit FRANZISKA BROICH.

13:45 BIS 14:45 HAUPTSACHE AUTHENTISCH? INSTAGRAM, SNAPCHAT UND CO. ENTZAUBERT.
Der ethische Blick auf die Nutzung und den Einsatz von aktuellen Social Networks.
Mit MIRKO DROTSCHMANN, DUYGU GEZEN, CHRISTOPH KRACHTEN und MANNIAC.

16:00 BIS 17:00 DIGITAL STORYTELLING – TRENDS, TOOLS, TOPICS
Mit 360° und Virtual Reality wird es spannend. Ein Experimentierfeld für Journalisten und Storyteller.
Mit ISA SONNENFELD.

17:15 BIS 18:15 KNOW YOUR TERRORIST CREDIT SCORE!
Ein Blick auf die Ethik von Big Data und warum wir ein Data Framework brauchen.
Mit KATE CRAWFORD.

19:00 BIS 19:30 MEMEWARS: OF GIF CAMPAIGNS AND GAMER POLITICS
Allein schon wegen der #btw17: anschauen.
Mit VICTOR FLEUROT und LEONARD COHEN.

19:45-20:45 THE AGE OF TROTZDEM
Der Sascha Lobo zur Lage der Nation. Pflichtprogramm.
Mit SASCHA LOBO.

Dienstag, 3. Mai 2016

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10:00 BIS 11:00 BATTLE OF WORLDVIEWS: COMPETITION BETWEEN INTERNATIONAL TV NEWS NETWORKS
Die Relevanz von News Channels nimmt zu. Doch welche Rolle und welchen Einfluss haben sie auf die Meinungsbildung? Eine wichtige Debatte für alle Journalisten und Campaigners.
Mit INGA THORDAR (CNN), SALAH NEGM (Al JAzeera), OKSANA BOYKO (RT), PETER LIMBOURG (Deutsche Welle), JO SCHÜCK (ZDF).

11:15 BIS 12:15 CTRL
Ein re:publica Klassiker: Die Kontrolle der Gesellschaft durch das Internet, Medien und die Überwachung von sozialen Bewegungen. Den Aluhut nicht vergessen.
Mit MARYANT FERNÁNDEZ, KIRSTEN FIEDLER und ESTELLE MASSE.

12:30-13:00 DIE PUBERTÄRE GESELLSCHAFT UND DAS NETZ
Friedemann Karig hat ein gutes Gespür für aktuelle Themen der Gesellschaft und ein besonderes Talent sie zu kommunizieren. Wer ihn noch nicht kennt: vorbeischauen.
Mit FRIEDEMANN KARIG.

13:45 BIS 14:45 GAMES GO HOLLYWOOD – VIDEO GAME COMPANIES AS FILM AND TV PRODUCERS
Warum Hollywood auf Games Charaktere und Storylines setzt und was das mit linearem Fernsehen macht.
Mit NICK VAN DYK und DANIEL BUDIMAN.

14:15 BIS 14:45 HUMAN RIGHTS REPORTING, SURVEILLANCE AND CENSORSHIP IN THE “WAR ON TERROR” IN AFRICA
Die Rolle von staatlichen Akteuren, Medienzensur und die Auswirkung auf die Menschenrechte in Afrika und im Mittleren Osten.
Mit JENNIFER SCHULTE.

15:30 BIS 16:00 HALT DIE FRESSE: HATE SPEECH!
Was tun mit der Empörungsgesellschaft und den Wutbürgern im Social Web? Spannendes Panel
Mit CARLINE MOHR, RAYK ANDERS, CHRISTOPH KRACHTEN und PROF. DR. DR. INO AUGSBERG.

17:30 BIS 18:30 THE SHAPE OF THINGS TO COME
Digital Transformation und was die Kerntechnologien Robotics, Digital Manufacturing, 3D Printing und künstliche Intellgenz die Zukunft gestalten.
Mit JEFF KOWALSKI.

20:00 BIS 21:00 DAS DIGITALE #QUARTETT LIVE ON STAGE
Wer zu dieser Zeit noch aufnahmefähig ist.
Mit Franziska Bluhm (Handelsblatt), Christiane Link (freie Journalistin und Beraterin), Daniel Fiene (Rheinische Post Online, DRadio Wissen, Antenne Düsseldorf), Thomas Knüwer (Unternehmensberater, Medienblogger).

Mittwoch, 4. Mai 2016

10:00 BIS 11:00 CHANGE THE STORY, CHANGE THE WORLD
Storytelling und Narrative, um die Welt ein bißchen besser zu machen. Das Einhorn mitbringen.
Mit LAURIE PENNY.

10:00 BIS 11:00 BEYOND DRIVING – HOW A CAR OF THE NEAR FUTURE COULD LOOK LIKE
Wie verändert die neue Mobilität unsere Zukunft? Werden wir druch das self driving car mehr Zeit haben? Erschließt sich uns ein neuer Arbeits- oder Lebensbereich?
Mit PRASHANTH HALADY.

10:30 BIS 11:00 HACKING HUMANITARIAN AID
Humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz sind in ihrer Organisation stark strukturiert oder funktionieren bottom up. Was passiert mit diese Strukturen, wenn sie technologisiert und digitalisiert werden?
Mit SAM BLOCH.

11:15 BIS 11:45 THE POST-WEB ERA: FROM LIBRARY-INTERNET TO TV-INTERNET
Die Gretchenfrage. Über den Tellerrand schauen.
Mit HOSSEIN DERAKHSHAN.

11:45-12:15 WHAT YOU NEED TO SEE! – IMMERSIVE STORYTELLING
Wie Menschen Teil einer Geschichte werden können. Immersive interessant. Immersive hingehen.
Mit GABRIEL LIFTON-ZOLINE.

12:30 BIS 13:00 THE UNTOLD GENESIS OF ISIS: REGIMES OF SURVEILLANCE, STEREOTYPES, AND SUPPRESSION
Über den Einfluss des IS auf islamische Stereotypen und gesellschaftliche und kulturelle Diskurse. Meta!
Mit SAUD AL-ZAID.

13:45 BIS 14:45 BEYOND PRIVACY: THE HUMAN IMPACT OF DRONES
Argumente für und gegen die Nutzung von Drohnen aus einer menschenrechtlichen Perspektive. Aluhut aber nicht vergessen.
Mit JENNIFER GIBSON, PAUL SCHULTE, ADITI GUPTA und MATTHEW STENDER.

16:15 BIS 17:15 TERROR ERNST NEHMEN, TERRORISTEN AUSLACHEN
Wie Medien die Erzählungen und Bilder von Terroristen übernehmen, welche Folgen das hat und was wir dagegen tun können. Die digitalen Sicherheitsexperten Thomas Wiegold und Sascha Stoltenow bringen immer spannende Impulse.
Mit FARAH BOUAMAR, NEMI EL-HASSAN, THOMAS WIEGOLD,MIRIAM SEYFFARTH und SASCHA STOLTENOW.

16:45 BIS 17:15 FIFTY SHADES OF MERKEL. INTERNETVERSION.
Sei der Vollständigkeit halber erwähnt. Die digitale Kanzlerin, die das Neuland beherrscht. Wer macht ihren Auftritt wirklich? Ist sie heimlich auf Twitter? Ist der Himmel wirklich blau und wer bastelt jeden morgen die Chemtrails?
Mit JULIA SCHRAMM.

18:45 BIS 19:45 CLOSING CEREMONY
Singen!
Mit allen.

 

Das Warten der anderen

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Wir sind irgendwie unzufrieden. Vielleicht sind wir auch ein bißchen in Sorge. Um unser friedliches Leben und um unsere Zukunft in diesem Land.

Aufregung passt nicht in unser friedliches Leben

Die AfD und Pegida stören unseren friedlichen Alltag bei Latte Macchiato und Süddeutscher Zeitung. Sogar auf unserem Facebook Newsfeed wird neuerdings geschimpft. Es sind immer die gleichen Themen, seit Wochen. Dabei wollten wir doch eigentlich nur das neue Foto unseres Ausflugs an die Ostsee posten. Schöne Bilder von Strand und Sonne und die ersten Frühlingsboten. Dieses Geschimpfe verdirbt die gute Laune.

Aufregung passt nicht in unser friedliches Leben. Pegida oder die AfD? Das soll doch die Politik lösen. Seit 10 Jahren müssen wir uns eh nicht mehr so richtig mit Politik beschäftigen. Läuft ja alles ganz gut bei uns: schon die zweite Gehaltserhöhung in einem Jahr, der Umzug in eine grundsanierte Altbauwohnung und ein neues Designer Sofa. Manchmal klingt es komisch, was manche Freunde so sagen. Da finden wir uns auch nicht wirklich wieder. Aber wenn wir das jetzt ansprechen, gibt es nur Ärger und der schöne Abend ist dahin. Das wollen wir ja nicht.

Wenn diese Schreihälse wirklich so schlimm wären, würde doch der Verfassungsschutz etwas tun. Geheimdienste finden wir zwar grundsätzlich echt schwierig. Aber er bekommt schließlich unser Steuergeld und soll mal wirksam werden. Aber der kann einfach nichts. Ist ja auch ein deutscher Geheimdienst. War ja klar. Im Sommer gehts übrigens mit Freunden nach Südamerika. Das wird toll. Da gibt es auch keine Flüchtlinge oder Pegida oder die AfD.

Und wenn wir wiederkommen, und es wird immer noch so viel auf unserem Facebook Newsfeed geschimpft, dann wandern wir einfach aus. Kanada soll toll sein. Da wollen auch viele Amerikaner hin, wenn Trump Präsident wird. Dort können wir ganz in Ruhe und nur für uns eine kleine Farm betreiben. Unser Traum ist schon lange, eigenen Rettich anzubauen. Nachhaltig und ganz im Einklang mit der Natur. Und wenn wir Lust haben, aber auch nur dann, setzen wir uns in unser Auto und besuchen unsere lieben Nachbarn nebenan auf der 45km weit entfernten Farm. Da müssen wir uns auch nicht um Politik, Flüchtlinge, AfD oder Pegida kümmern. Das wird toll!

Wir dürfen nicht aufhören, hinzusehen und zu handeln

Es wird übrigens nicht toll. Denn dadurch wird sich nichts ändern. Es ist nicht die Politik, die Parteien, der Staat oder unsere Dienste, die versagen. Wir versagen als Gesellschaft gerade selbst, weil wir uns wehren, in unserem Alltag Verantwortung für unsere Werte zu übernehmen. So oft beklagen wir uns, dass „Politik“ doch gefälligst zu unserem Wohle handeln solle. Schließlich sind wir das Volk. Der Demos! Aber was soll die Politik noch machen, wenn sich der Demos mehr für seine Latte Macchiato oder seinen Cappuccino interessiert als für seine Werte?

Ja, Diskussionen unter Freunden und in der Familie sind anstrengend. Auch ein demokratisches System ist anstrengend. Ein Diskurs kann auch mal die gute Laune verderben. Aber das geht vorbei. Es gehört zu unserem gesellschaftlichen Zusammenhalt, dass wir nicht alles so machen können, wie wir es selbst für richtig halten. Das war Pippi Langstrumpf. Mittlerweile sind wir erwachsen geworden und es liegt an uns, diese Gesellschaft zu gestalten. Manche Dinge müssen wir aushalten. Aber wir dürfen nie aufhören, zu verstehen, was in unserer Gesellschaft gerade passiert und wir dürfen nie aufhören, für unsere Werte aktiv einzustehen.

Seid Demos

Es gibt kaum ein Land auf der Welt, in dem die Menschen so frei in Frieden, Vielfalt, Toleranz, Offenheit, Pluralismus und Rechtsstaatlichkeit leben können wie in Deutschland. Es darf keinen Hass mehr in Deutschland geben. Nicht gegen Juden, nicht gegen Muslime, nicht gegen Frauen, gegen gleichgeschlechtliche Paare oder gegen Flüchtlinge. Nein, auch nicht gegen Roma. Denn sie sind wie wir: einfach Menschen. Und wer sich nicht an unsere Gesetze hält, bekommt ein rechtsstaatliches Verfahren. Ganz einfach.

Es ist unser Erbe als Deutsche dafür einzustehen, dass linker oder rechter Populismus und Hass in Deutschland keinen Platz mehr haben. Wir haben gelernt, dass Schweigen, Weglächeln und Auswandern die falschen Wege sind. Es war eine schmerzliche Erfahrung, aber diese Erfahrung hat auch etwas Gutes: sie nimmt uns heute in die Pflicht und die Verantwortung, dass so etwas nie wieder passieren darf. Diese Erfahrung haben wir anderen Gesellschaften voraus.

Wir sind irgendwie unzufrieden. Vielleicht sind wir auch ein bißchen in Sorge. Um unser friedliches Leben und um unsere Zukunft in diesem Land. Es ist aber jetzt die Zeit, aufzuhören zu warten, bis andere etwas tun. Handelt selbst und führt die anstrengenden Gespräche mit Freunden und in der Familie, ob bei einem Bier, bei einer Latte Macchiato oder beim Ostereiersuchen. Und vor allem: seid Demos. Geht wählen.

 


Leseempfehlung: „’Grenzen dicht! Flüchtlinge raus!’ Mit einem besorgten Bürger unterm Weihnachtsbaum” von Carline Mohr.

Disclaimer: Die oben dargestellten Positionen sind fiktiv und spiegeln weder meine persönliche Mediennutzung, meine Einstellungen zu Institutionen oder meine Kaffeevorlieben wider.

Die DNA der Parteien

Die nächste Bundestagswahl kommt. Gewinnen wird jene Partei, die es mehr denn je schafft, die richtigen Wähler zum richtigen Zeitpunkt zu mobilisieren. Doch die Parteien bleiben hinter ihren Möglichkeiten zurück, denn der Schlüssel zum Erfolg schlummert nahezu ungenutzt in ihren Parteizentralen: die Daten ihrer Wähler.

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Eines der modernsten Datennetzwerke: Das Rechenzentrum von Google in Douglas County, Georgia (USA).

Eine neue Benchmark der Mobilisierung

Die Menschen in Deutschland sind zufrieden. Selten ging es ihnen zu so gut wie heute. Bei einer fast absoluten Mehrheit und einer erfolgreich regierenden Kanzlerin wird die Union gute Argumente brauchen, warum sich ihre Wähler an einem Sonntag von ihrem Sofa zur Wahl aufraffen sollten. Die SPD kämpft immer noch mit der Sichtbarkeit ihrer Regierungserfolge und ihrem Anspruch, es Arbeitern und Intellektuellen gleichermaßen Recht zu machen. Die Grünen werden ein stabiler Juniorpartner für den Wahlsieger, die Linken verfestigen sich als Oppositionspartei und die FDP wird erst kurz vor dem Wahlkampf wieder aufwachen.

Der Kampf um die Wählerstimmen wird hart, denn nur wenige Wähler werden sich mobilisieren lassen. Der kommende Bundestagswahlkampf in Deutschland wird eine neue Benchmark für die Kunst der Mobilisierung setzen. Wer vor der Wahl seine Mitglieder und seine parteinahen Netzwerke genau kennt, ist dabei klar im Vorteil.

Das ungenutzte Potenzial

Parteien verfügen über mehr Daten als sie denken. Neumitglieder werden mit Namen, Kontaktdaten und politischen Interessen erfasst, Mandatsträger versenden Mailings an interessierte Bürger und kennen ihre Fans auf Facebook und ihre Follower auf Twitter. Für Veranstaltungen werden Teilnehmerlisten erstellt und die Kommunikationsabteilung kennt die relevanten Influencer und Multiplikatoren für die einzelnen Themen, die für sie Öffentlichkeit erzeugen können.

Nur ein Bruchteil dieser Daten wird systematisch erfasst. Kleiner noch ist der Anteil der Daten, die regelmäßig gepflegt und verschwindend gering ist die Menge der Daten, die miteinander verknüpft werden. Moderne Software zur Datennutzung, Business Intelligence Konzepte und gut aufgesetzte, eigene Datawarehouses sind für Parteizentralen Neuland. Sie verschenken damit ungenutztes Potenzial.

Die CDU und die SPD zählen jeweils fast eine halbe Million Mitglieder. Etwa 147.000 Menschen sind Mitglieder der CSU, etwa 62.000 bei den Linken, etwa 61.000 bei den Grünen und etwa 56.000 Menschen bei der FDP. Allein diese Datenmenge, die in den USA für einen Wahlkampf erst mühsam und mit hohen Kosten erhoben werden müsste, schlummert in Deutschland nahezu ungenutzt in den Parteizentralen. Welches Potenzial hätte eine kluge Nutzung dieser Daten für die Konzeption von Kampagnen und den Wahlkampf auf der Straße und an den Haustüren?

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Das ungenutze Potenzial: die Mitglieder von Parteien in Deutschland.

Moderne Kampagnen nutzen Daten

Politik ist dafür da, Lösungen für die Themen der Menschen in Deutschland zu entwickeln und sie umzusetzen. Die Auswertung von Daten hilft, die richtigen Lösungen dafür zu finden. Dabei geht es nicht um die Daten selbst, sondern um ihren Mehrwert. Eine Partei lernt über ihre Mitglieder die Themen der Gesellschaft kennen und ihre Netzwerke verstehen. Dabei sind klassische Merkmale wie Alter, Geschlecht und der Wohnort, für moderne Kampagnen interessant aber nicht entscheidend.

Moderne Kampagnen nutzen Informationen, welchen persönlichen Interessen die Menschen nachgehen, in welcher Lebensphase sie sich befinden und mit wem sie über ihren Alltag sprechen. Moderne Kampagnen wissen, was die Mitglieder und die relevanten Netzwerke bewegt und wieviele Mailings wirklich geöffnet wurden. Sie nutzen die Informationen, wer zu welcher Veranstaltungen kommt, wer darüber spricht, schreibt und twittert und wer dadurch Multiplikatoren und die wahlentscheidende Altersgruppe der über 70-Jährigen direkt oder indirekt erreicht.

Die DNA der Parteien

Kampagnen der Zukunft werden schneller. Sie werden zu einem Zeitpunkt kommen, an dem wir nicht mit ihnen rechnen und sie werden auf allen Kanälen geführt werden. Diese Zeiten meistert nur jene Partei, die schnell auf die relevanten Netzwerke zugreifen, die richtigen Politiker positionieren und die richtigen Influencer zum richtigen Zeitpunkt aktivieren kann.

Die Daten einer Partei sind ihre DNA. Sie sind ihre stabile Grundstruktur, die durch aktuelle und äußere Einflüsse geformt werden und eine neue Gestalt annehmen kann. Sie geben einer Partei ihre Einzigartigkeit und sind ihre wertvollste Ressource. Die Art und Weise, wie Parteien ihre Daten nutzen, zeigt, wie gut eine Partei für die Zukunft aufgestellt ist. Denn die nächste Bundestagswahl kommt.


Quelle Foto: Rechenzentrum von Google in Douglas County, Georgia (USA).
Quelle Grafik “Mitglieder von Parteien in Deutschland”: „Volksparteien schrumpfen, die AfD wächst“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.12.2014, eigene Darstellung.

 

Das Normativ der Überwachung

Als Kapuzenpulloverträger gehört es in diesen Tagen zum guten Ton, in die Resistance gegen die vermeintliche Überwachung durch staatliche Behörden einzustimmen. Doch das vermittelte Normativ von guten oder bösen Daten ist das Festhalten an einer längst vergangenen Realität.

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Daten gehören zu unserem Leben wie die Luft zum Atmen

Nachrichtendienste tun es, die Polizei tut es, Unternehmen tun es. Sie alle greifen auf personenbezogene Daten zu, die sie selbst erfassen oder durch Dritte erhalten. Es gibt jene Daten, die ohne unser Zutun entstehen: da sind die Videokameras in U-Bahnhöfen und an öffentlichen Plätzen. Luftfahrtunternehmen wissen, an welchem Tag wir von welchem Flughafen, mit welchen Personen gereist sind. Finanzdienstleister können nachvollziehen, in welchem Supermarkt wir zu welcher Uhrzeit für das Wochenende eingekauft haben und Telekommunikationsdienstleister können in Echtzeit orten, wo wir uns befinden und wer uns begleitet, mit wem wir telefonieren und wie hoch unser Datenvolumen ist.

Und dann gibt es jene Daten, die wir freiwillig zur Verfügung stellen: Uber weiß, wo wir wann, welches Taxi angefragt haben und wohin wir uns haben fahren lassen. Facebook kennt unsere Freunde, Google weiß, wonach wir suchen, Amazon kennt unsere Vorlieben und Nike+ errechnet unsere optimale Herzfrequenz nach Geschlecht, Alter und Größe. Energieversorger wissen, wann wir die Heizung in unserem Smart Home einschalten und erkennt anhand des Energie- und Wasserverbrauchs, ob wir Besuch haben. Daten gehören zu unserem Leben wie die Luft zum Atmen. Es wird keinen datenneutralen Alltag mehr für uns geben. Deswegen brauchen wir ein positives Konzept von Daten und wie wir mit ihnen umgehen wollen.

Wir brauchen ein positives Konzept von Daten

Personenbezogene Daten sind nicht böse. Daten erleichtern uns den Alltag. Sie ermöglichen uns eine große Flexibilität und große persönliche Freiheit. Ärzte können schneller und gezielter helfen, Apps können uns im Urlaub spontan die beste Bar in der Nähe empfehlen und unser Auto kann frühzeitig automatisiert bremsen, wenn ein Kind auf die Straße läuft. Um ein positives Konzept von Daten zu entwickeln brauchen wir eine breite und substantielle Aufklärung, was Daten sind.

Wir müssen transparent und verständlich machen, bei welchen Handlungen, welche Art von Daten, zu welchem Zeitpunkt entstehen und von wem sie gespeichert werden. Lasst uns erzählen, dass die Erfassung von personenbezogenen Daten nicht mit einer Überwachung gleichzusetzen ist. Dass die Nutzung und Zusammenführung von Daten Menschenleben retten kann und Big Data eine individuelle Datensicherheit nicht ausschließt. Denn was unserer Gesellschaft schadet, ist ein Normativ der Überwachung, sobald personenbezogene Daten entstehen und gespeichert werden.

Unsere Gesellschaft braucht Menschen, die sich sicher und geschützt fühlen

Wir leben in einem Rechtsstaat, der die Würde des Menschen unveräußerlich anerkennt (Artikel 1, Grundgesetz). Nicht ohne Grund ist das Recht auf das Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnis mit Artikel 10 ein Teil unserer Verfassung. Nicht ohne Grund gehören die Achtung des Privat- und Familienlebens mit Artikel 7 und der Schutz personenbezogener Daten mit Artikel 8 zur Charta der Grundrechte der Europäischen Union. Denn alle drei Normen erhalten und fördern unsere pluralistische und demokratische Gesellschaft.

Wir brauchen Menschen, die sich sicher und geschützt genug fühlen, gewohnte Denkpfade zu verlassen und bestehende Konventionen in Frage zu stellen. Nur so, können wir unsere Gesellschaft, unsere Wirtschaft und unsere Kultur weiter entwickeln und Neues hervorbringen. Menschen, die glauben, in einem restriktiven System zu leben, werden dies nicht schaffen. Daten werden die Grundlage unserer Wirtschaft sein. Es ist unsere Generation, die neue Geschäftsmodelle schaffen und ihre Eltern für diese Konzepte begeistern muss.

Das Ziel ist die Datensouveränität

Jeder sollte dazu in der Lage sein, ein Selbstkonzept für seine Daten zu entwickeln. Manche möchten ihre Daten weiter geben, manche nicht. Das Ziel muss eine individuelle Datensouveränität sein, ohne dass die Daten Dritter betroffen sind. Jeder sollte die Möglichkeit haben, seine Daten zu kennen, sie zu verschlüsseln und sie geschützt zu speichern. Dies gilt für Privatpersonen genauso wie für Unternehmen und für staatliche Behörden.

Die Architekten unserer Datensouveränität sind Systemadministratoren und Kryptologen. Sie kennen nicht nur die Backbones, die Internetprotokolle, die neuesten Technologien und Hintertüren sondern sie entwickeln jeden Tag unsere digitale Infrastruktur weiter. Das Know-How unserer Sysadmins und Kryptologen entscheidet darüber, wie sicher wir in Deutschland leben. Deswegen sollten TLS, SSH und PGP für niemanden, der sich mit Netzpolitik beschäftigt, Fremdwörter sein.

Ob mit oder ohne Kapuzenpullover

Während ich diesen Text schreibe, trage ich einen Kapuzenpullover. Meinen Lieblingskapuzenpullver. Und trotzdem bin ich gegen das aktuelle Normativ der Überwachung. Die anlasslose systematische Speicherung von Verbindungsdaten außerhalb geschäftlicher Zwecke der Diensteanbieter berührt unmittelbar unsere Menschenrechte. Keine Frage. Dies muss in einem demokratischen Prozess geprüft und geklärt werden.

Am Ende des Tages bringt uns das Normativ der Überwachung aber nicht weiter. Unsere Daten werden erhoben und gespeichert. Wir selbst erzeugen Daten und wir wollen sie nutzen. Deswegen brauchen wir ein positives Konzept von Daten, Vertrauen in unsere Datenkompetenz, die Möglichkeit, unsere Daten zu schützen und sie über unsere Datensouveränität zu steuern. Dies alles ist noch eine grüne Wiese. Da stehen wir noch ganz am Anfang. Ob mit oder ohne Kapuzenpullover.

Was ihr wollt

Twitter hat jetzt einen Algorithmus. Sponsored Tweets erreichen dadurch die richtigen Menschen. Facebook hat Custom Audiences und Atlas, mit denen eine neue Dimension des Targetings und des Trackings möglich ist, und Swarm zeigt uns in unserem Newsfeed auf unser Alter und unser Geschlecht abgestimmte Werbeanzeigen. Es sind die legitimen Geschäftsmodelle von Unternehmen, um ihre kostenlosen Dienste zu monetarisieren. Wenn wir also diese kostenlosen Dienste nutzen wollen, dürfen wir uns über das Geschäft mit unseren persönlichen Daten nicht beschweren. Oder?

Fasnetrufer in Freiburg.

Fasnetrufer in Freiburg im Breisgau.

Das Misstrauen in Onlinedienste

Vor wenigen Tagen veröffentlichte das Deutsche Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI) eine Studie über das Verhältnis der Internetnutzer in Deutschland zu ihren Daten als Ware für Onlineangebote. Obwohl 97 Prozent der Befragten kostenlose Onlinedienste nutzen, heißen 80 Prozent das Geschäft mit den Daten nicht gut. Die Gründe hierfür sind die Angst vor dem Missbrauch der Daten (51 Prozent) und die Unwissenheit, wofür die Daten verwendet werden (50 Prozent).

Mit dem Datenschutzrecht in Deutschland scheinen sie einverstanden zu sein, denn 95 Prozent wünschen sich, dass auch ausländische Internetfirmen [sic!] sich an deutsche Datenschutzgesetze halten. Auch fordern sie strengere Datenschutzregeln von Unternehmen (95 Prozent) und eine strengere Verfolgung und Bestrafung von Datenmissbrauch von der Politik (97 Prozent). Diese Zahlen sind keine Überraschung.

PolitikinderPflicht

“Welchen dieser Aussagen würden Sie zustimmen?”

Kostenpflicht ist keine Lösung

Eine Überraschung ist es, dass die Mehrheit der Internetnutzer in Deutschland nicht bereit ist, Geld zu zahlen, auch wenn dadurch garantiert wäre, dass mit ihren Daten keine Geschäfte gemacht würden (61 Prozent). Die Mehrheit (59 Prozent) befürchtet, dass sie auch bei kostenpflichtigen Onlinediensten nicht weiß, ob ihre Daten wirklich sicher sind. Kostenpflicht bedeutet für deutsche Internetnutzer nicht Seriosität (79 Prozent).

Das Mißtrauen der Internetnutzer in Deutschland gegenüber Onlinediensten ist groß. Und zwar unabhängig davon, ob sie für Datenschutz Geld zahlen oder nicht. Eine wichtige Botschaft an jene Unternehmen, die Produkte planen, deren alleiniges Geschäftsmodell kostenpflichtiger Datenschutz ist. Was die Internetnutzer in Deutschland wollen, ist mehr Transparenz von Unternehmen, was mit ihren Daten geschieht (93 Prozent).

Es geht um mehr Transparenz

In der politischen Debatte werden Datenschutz und Big Data oft als nicht miteinander zu vereinbarende Pole gegenüber gestellt. Die Studie zeigt aber, dass fast alle Internetnutzer bereit sind, ihre Daten den Unternehmen zur Verfügung zu stellen. Lediglich das Geschäft mit den Daten wird kritisiert. Wenn also nicht Big Data als die Erhebung und Verarbeitung von Daten im Sinne einer E-Business Intelligence Strategie zur Optimierung der Unternehmens- und Produktprozesse das Problem für die Internetnutzer in Deutschland ist, müssen wir von einem anderen Zielkonflikt beim Thema Datenschutz ausgehen.

Auf Grundlage der Studie liegt der Zielkonflikt im Bereich Datenschutz vielmehr zwischen Datenschutz und dem Geschäft mit Daten. Das einzige, was hier hilft, ist Transparenz. Und dabei geht es nicht darum, alle Geschäftsmodelle oder Datawarehouses offen zu legen. Sondern es geht um die grundsätzliche Information der Nutzer darüber, was mit ihren Daten geschieht. Sofern diese Transparenz gegeben ist, und die Nutzer das Gefühl haben, dass sie wissen, was mit ihren Daten geschieht, scheinen sie mit der Nutzung ihrer Daten im Rahmen des deutschen Datenschutzrechts einverstanden.

Die Menschen wollen selbst entscheiden

Für die Politik ist das eine gute Nachricht. In Deutschland leben Menschen, die bewusst und eigenverantwortlich mit ihren Daten umgehen wollen. Offensichtlich geht es ihnen nicht um schärfere Datenschutzrichtlinien, um höhere Hürden für Unternehmen bei der Datenerhebung oder um eine Regulierung. Sie wollen einfach selbst entscheiden, wem sie ihre Daten geben. Ob diese Selbstbestimmung top down durch mehr Transparenz von Unternehmen umgesetzt wird oder bottom up über die Selbstverwaltung der eigenen Daten, gilt es langfristig zu klären.

Wie es Google macht

Google hat das Bedürfnis der Menschen nach mehr Transparenz schon vor einiger Zeit erkannt. Das Unternehmen gibt seinen Nutzern die Möglichkeit, die Erhebung ihrer Daten bei Suchanfragen, besuchten Orten oder genutzten Geräten einzusehen und auf Wunsch zu unterbinden. Zwar bleibt der Nutzer in Unkenntnis, was mit den Daten weiter passiert. Google geht mit der Offenlegung der Nutzerdaten aber einen ersten Schritt in Richtung Transparenz und ist damit in seiner Datenschutzpolitik vielen anderen Unternehmen einen Schritt voraus.

Was ihr wollt

Die Klagen über sponsored Tweets, das Spiel der Algorithmen und über Werbeanzeigen im Newsfeed wird es wahrscheinlich so lange geben, wie das Internet selbst. Und ja: wir dürfen uns über das Geschäft mit unseren Daten beschweren, solange wir nicht wissen, was mit ihnen geschieht. Bei all den bunten Regenbogen und niedlichen Einhörnern, mit denen wir täglich zu tun haben, dürfen wir aber eines nicht vergessen: Onlinedienste sind nicht aus sozialer Wohltätigkeit entwickelt worden. Sie sind erfolgreiche Geschäftsmodelle, um Gewinn zu erwirtschaften. Dabei werden jene Unternehmen in Deutschland langfristig Erfolg haben, die transparent mit ihrer Datenverwertung umgehen.

Shakespeares Theaterstück „Was ihr wollt“ heißt im englischen Original übrigens “Twelfth Night“. Die zwölfte Nacht wird heute noch im schwäbisch-alemannischen Karneval gefeiert. Es ist der Beginn der Maskierungen, bei denen die Menschen ihre Identität wechseln und als Narren in ihrem Häs durch den Schwarzwald ziehen. Malvolio, der sich in „Was ihr wollt“ am stärksten für Ordnung und Disziplin einsetzt, ist am Ende ein gebrochener Mann. Datenschutz hat manchmal mehr mit Shakespeare zu tun, als wir denken.

William Powell Frith: Duellierszene aus Shakespeares Twelfth Night.

William Powell Frith: Duellierszene aus Shakespeares Twelfth Night.


Foto “Fasnetrufer in Freiburg im Breisgau”: Tabea Wilke
Gemälde “The Duel Scene”: William Powell Frith (Wikimedia Commons, bearbeitet)

Die Sprache der Digitalisierung

Es war nichts Neues zu erwarten. Eigentlich. Wer die Netzpolitik in den letzten Wochen aktiv verfolgte, kannte den Inhalt der Digitalen Agenda, die gestern von der Bundesregierung der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Aufgrund der hitzigen Diskussionen über ihre Bewertung ist in den vergangenen acht Wochen so mancher Kaffee kalt und so manches Bier warm geworden. Die Meinungen reichten von „viel zu unkonkret“ und „beschämend“ bis hin zu „gute Arbeitsgrundlage“.

Bundespressekonferenz zur Vorstellung der Digitalen Agenda.

Bundespressekonferenz zur Vorstellung der Digitalen Agenda.

Zweiundzwanzig Minuten Agenda

Gestern war es also soweit. Das Bundeskabinett beschloss die Digitale Agenda. Wie bei solchen Anlässen gewohnt, traf man sich anschließend in der Bundespressekonferenz. Wie bei solchen Anlässen gewohnt, fotografierten die Fotografen, filmten die Kameras und lächelten die Bundesminister – in der Hand ein blaues Heftchen. Zweiundzwanzig Minuten und dreiundzwanzig Sekunden sprachen Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel, Bundesinnenminister Thomas de Maizière und Bundesminister für Verkehr und Digitale Infrastruktur Alexander Dobrindt über das, was die Digitale Agenda sein soll und betonten ausdrücklich das, was sie nicht sein will. Und noch während der Bundespressekonferenz twitterte Regierungssprecher Steffen Seibert die neue Website der Digitalen Agenda. Alles prima. Eigentlich.

 

Und dann kam das Märchen

Wie gewohnt begann nach den Statements die Fragerunde für die Journalisten. Und hier kam das Neue. Es sei auffällig, so der Kollege vom Deutschlandfunk, dass in der Digitalen Agenda das Wort „Überwachung“ nicht vorkomme und stellte den Ministern die Frage, was denn der Grund dafür sei. Sigmar Gabriel rang kurz nach Luft und kam dann zu dem Satz: „Das Wort ‚Überwachung‘ taucht nicht auf, weil es nicht Auftrag der Digitalen Agenda ist. Sondern darin steht etwas über Datensicherheit.“ De Maiziere brachte es schließlich auf den Punkt: „Den Begriff Überwachung finden Sie nicht, weil wir ihn nicht verwenden.“ Es gehe vielmehr um Sicherheit im digitalen Raum. „Überwachung ist ein Kampfbegriff, der in der Digitalen Agenda nichts zu suchen hat.“ Hier bemühte de Maiziere das Märchen vom kleinen Häwelmann, der mit seiner Situation nicht zufrieden war und nach immer mehr rief. So sei das oft in der Politik und das sei nicht zielführend.

Die Relevanz einer gemeinsamen Sprache

Dieses kurze Gespräch machte deutlich, was in den vergangenen Monaten auch bei Anhörungen im Bundestag immer wieder zu beobachten war: dem politischen Prozess der Digitalen Agenda fehlt es an einer gemeinsamen Sprache. Dabei geht es nicht nur um die Verwendung gemeinsamer Wörter. Es geht vor allem darum, was diese Wörter inhaltlich bedeuten. Wenn Politiker über Datensicherheit sprechen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie ganz andere Standards und Eigenschaften meinen, als Systemadministratoren. Wenn ein Innenminister von Überwachung spricht, misst er diesem Ablauf einen ganz anderen Stellenwert zu als ein Netzaktivist. Was trivial klingt, wird dann relevant, wenn Sachverständige über A sprechen und politische Entscheider B verstehen.

Netzpolitische Debatten polarisieren

Der Neurowissenschaftler Prof. Dr. Peter Kruse hat dieses Phänomen in der Netzpolitik untersucht und seine Ergebnisse in seiner Session bei der re:publica 2010 anschaulich dargestellt. Verschiedene Bewertungsmuster von Menschen sind einer der Gründe, wegen denen netzpolitische Debatten schnell polarisieren und emotional werden. Denn anders als in der Diskussion über Fakten, sind Diskussionen über Werte viel schwieriger zu erkennen und viel schwieriger zu führen. Der Rahmen der Bundespressekonferenz hat eine Emotionalisierung des Gesprächs verhindert. Sie machte aber deutlich, dass wir einerseits einen Diskurs über die Inhalte der zentralen Wörter der Digitalisierung brauchen und andererseits eine gemeinsame Verständigung darüber, welchen Stellenwert sie im netzpolitischen Prozess der nächsten Jahre einnehmen sollen.

Hohe Anforderungen an politische Akteure

Die Verständigung auf eine gemeinsame Sprache ist in der Netzpolitik deswegen so wichtig, weil kaum ein anderes Politikfeld einer so dynamischen Entwicklung unterliegt, wie die Digitalisierung. Was heute Morgen noch eine sichere Schnittstellentechnologie ist, kann heute Abend bereits gehackt sein (siehe Heartbleed). Das Datenvolumen verdoppelt sich alle zwei Jahre und bald werden die Begriffe Zetta- und Yottabytes nicht mehr nur IT-Systemarchitekten verwenden sondern unsere Alltagsbegriffe sein. Die inhaltliche Arbeit der Referate in den Ministerien und des Bundestagsausschuss Digitale Agenda unterliegt damit einer ähnlich großen Dynamik wie die Digitalisierung selbst. Dies unterscheidet sie von anderen Politikbereichen. Umso wichtiger ist es, eine Sprache zu finden, auf der sachliche Argumente ausgetauscht und verstanden werden können.

Die Blumenwiese mal kurz verlassen

Ohne Frage ist die Enttäuschung über die Gestaltungskraft des Bundestagsausschusses Digitale Agenda groß. Ohne Frage misst die Bundesregierung der digitalen Bildung viel zu wenig Bedeutung zu und ohne Frage ist ein flächendeckender Breitbandausbau von 50 Mbit bis 2018 viel zu wenig und inakzeptabel. Wer aber Alexander Dobrindt in den vergangenen Monaten zugehört hat, der weiß, dass dieser Minister das Thema verstanden hat.

Es war nichts Neues zu erwarten. Eigentlich. Und dann war es die nativ englischsprechende Korrespondentin der New York Times, die während der Bundespressekonferenz die gemeinsame Sprache mit den Ministern gefunden und eine der klügsten Fragen gestellt hat. Ein Vorbild.

Wir sind uns einig, dass wir den digitalen Wandel der Gesellschaft gestalten wollen. Dann lasst uns die Blumenwiese mal kurz verlassen, um miteinander eine Sprache zu finden, mit der wir über politische und wirtschaftliche Interessen der Digitalisierung streiten können. Die große Stärke der Digitalen Agenda liegt in ihrer Offenheit für die Gestaltung des politischen Prozesses mit allen Akteuren. Sie gilt es nun zu nutzen.

Der kleine Häwelmann hat sich übrigens mit seiner misslichen Situation nicht abgefunden. Er hat sich ein Segel gebaut und ist mit seinem Rollenbett bis zum Mond und wieder zurück gefahren. Märchen haben in der Politik nichts verloren. Eigentlich.

Das Märchen vom kleinen Häwelmann.

Das Märchen vom kleinen Häwelmann.

Was uns unsere Daten wert sind

Ich mag Swarm. Vor ein paar Tagen checkte ich in einem meiner Stammkaffees ein, um noch ein paar Dinge abzuarbeiten. Mit einem tollen Cappuccino sollte es an die Arbeit gehen. Völlig unerwartet kam ein Freund in das Kaffee und direkt auf mich zu: „Ich war gerade in der Nähe und habe deinen Check-In gesehen. Da dachte ich, schaue ich mal vorbei!“ Wir saßen eine ganze Weile zusammen und haben bei herrlichem Sommerwetter über die neuesten Entwicklungen geplaudert. In dem viel zu eng getakteten politischen Berlin – gibt es etwas Besseres als solche Begegnungen?

Swarmlogo

Der Schwarm der Aus-Checker

Wer heute Swarm nutzt, schwimmt gegen den Strom. In diesem Sommer vergeht kaum ein Tag ohne einen Blogbeitrag, ein Facebookposting oder einen Tweet, mit dem nicht die Abkehr vom ortsbasierten digitalen sozialen Netzwerk Foursquare, der neuen Schwester-App Swarm oder beides kundgetan wird. Richard Gutjahr schrieb vom Friedhof der Bürgermeister und Johannes Eydinger von gleich mehrfachen Rücktritten als Bürgermeister. Auch von Protesthandlungen ist zu lesen, damit Foursquare seine Produktstrategie ändert. Der Schwarm der Aus-Checker ist ein Schwarm von enttäuschten Mayors ohne Town Hall, von unterforderten Badges–Sammlern ohne Trophäe und von verärgerten Anwendern mit zu kurzer Akkulaufzeit. Sie haben alle Recht. Oder?

Swarm ist eine Community App

Seit dem Launch von Swarm Mitte Mai zeigt sich Foursquare nur noch als Check-In-Tagebuch und als bebildeter Reiseführer. Dies ist ein großer Verlust. Wenige Wochen später und ohne Vorankündigung des Unternehmens war das Einchecken nur noch über Swarm möglich. Die Geolokalisation dauert viel zu lange und funktioniert bis heute nicht richtig (ich wohne derzeit mitten im Mauerpark). Allerdings bietet Swarm mit dem Dating-Messaging „Erstellen von Plänen“ und das Livetracking von Freunden „Umgebung-Teilen“ neue Funktionen. Beide Tools machen spontane Verabredungen mit Freunden einfacher. Die Fußball-Weltmeisterschaft brachte charmante Event-Badges und nach der großen Protestwelle ist eine Variante des Mayors wiedergekommen. Swarm ist im Gegensatz zu Foursquare eine reine Community App. Die Usability ist nicht optimal, keine Frage. Aber mit ein bißchen Geschick in den Einstellungen des Smartphones lässt sich der Akkuverbrauch der App reduzieren.

SwarmCommunity

Die Argumente überzeugen nicht

Die Kritiker werfen Foursquare vor, eine erfolgreiche App kaputt konzipiert und die Community in der Produktweiterentwicklung nicht mitgenommen zu haben. Sie haben Recht. Und trotzdem überzeugen mich die Argumente der Foursquare Aus-Checker nicht. Wer den Battle um Badges vermisst, dem kann ich eine Runde Cut the Rope empfehlen. Wer zeigen will, dass er der Mayor ist, für den wäre vielleicht das Quizduell eine Alternative. Stört das Look & Feel, ist eine Rückmeldung über den App Store möglich. Und wer immer noch einen zu großen Verbrauch des Akkus bei der Anwendung von Swarm hat, der kann mir gern auf Twitter schreiben. Das wirklich Bemerkenswerte an dem Schwarm der Foursquare-Aus-Checker ist nicht, dass sich viele Menschen gleichzeitig von einem ortsbasierten digitalen sozialen Netzwerk abmelden. Das wirklich Bemerkenswerte sind ihre Gründe.

Schmerzgrenze Gamification

Dem Schwarm geht es um den Verlust von Gamification, Look & Feel und Usability. Solange diese drei Faktoren stimmten, war es in Ordnung, persönliche Daten einem Unternehmen zu schenken, die sie „keinem Geheimdienst gegeben hätten“ (Gutjahr). Der Deal der kostenlosen Nutzung gegen persönliche Daten findet seine Grenzen, sobald der Spaßfaktor wegfällt. Daraus kann der E-Commerce viel lernen. Denn jene App, die diese Erwartungen erfüllt, so ist zu lesen, wird gerne angenommen. Was ist heute der Wert, dem wir unseren persönlichen Daten geben?

Unabhängig davon, wie ehrlich und häufig Swarm genutzt wird, erfasst Foursquare einen beachtlichen Grundstamm von personalisierten Daten und Informationen. Besonders wertvoll ist die Verknüpfung zu anderen sozialen Netzwerken, insbesondere zu Facebook. Abhängig von der Nutzung zeigen die Daten nicht nur wer, wann, wo, mit wem war, sondern auch die Vorlieben für Restaurants, Clubs und die Freizeitgestaltung und geben Informationen über den persönlichen Tagesablauf und den individuellen Schlafrhythmus. Eine Auswahl (Foursquare Datenschutzrichtlinien):

Auswahl an Profildaten, die Foursquare erhebt.

Auswahl an Profildaten, die Foursquare erhebt.

Datenschutz als hinfälliges Konzept?

Politik, Unternehmen und zivilgesellschaftliche Akteure entwickeln derzeit ein Konzept, wie wir als Gesellschaft mit den Herausforderungen der Digitalisierung in Zukunft umgehen wollen. Die Digitale Agenda ist eines der wichtigsten politischen Zukunftsprojekte in Deutschland. In dem aktuellen Entwurf beschreibt die Bundesregierung, wie sie mit einer Datenschutz-Grundverordnung einen modernen Datenschutz auf hohem Niveau für die Bürger entwickeln, umsetzen und gewährleisten will. Dabei wird sie die Datenverarbeitung über Big Data, Profilbildung und Web Tracking berücksichtigen (S. 25).

Die Argumentationslinien der Foursquare-Aus-Checker von Swarm machen deutlich, dass die Grenzen ordnungspolitischen Handelns im individuellen Nutzungsverhalten der Bürger liegen. Denn die Diskrepanz zwischen dem Ruf nach mehr Datenschutz und unserem täglichen Verhalten in der digitalen Welt ist groß. Die Herausforderung von Datenpolitik wird in den kommenden Jahren sein, einen Weg zu finden, einerseits den Schutz für Bürger zu gewährleisten, die kein großes Interesse an den Mechanismen der digitalen Welt haben, und andererseits Freiräume zu schaffen, in denen Heavy User selbst entscheiden können, wem sie ihre persönlichen Daten zur Verfügung stellen. Bürger können nur so viel Datenschutz und Privatsphäre verlangen, wie sie selbst durch ihr Verhalten zulassen.

Entwurf der Digitalen Agenda.

Entwurf der Digitalen Agenda.

Ich bleibe bei Swarm

Der Schwarm der Foursquare-Aus-Checker gibt uns eine gute Gelegenheit darüber nachzudenken, welchen Wert wir unseren persönlichen Daten geben und für welchen Preis wir bereit sind, sie zu verschenken. Er ist auch ein Hinweis darauf, welchen Herausforderungen die Datenpolitik in Deutschland begegnen wird. Wir stehen noch ganz am Anfang.

Die Kritik des Schwarms, der sich bei Foursquare ausgescheckt hat, ist berechtigt. Wer aber Foursquare aus wirklicher Überzeugung genutzt und das datenschutzrechtliche Harakiri in Kauf genommen hat, der ist zu früh ausgestiegen. Ist Glympse datenschutzrechtlich sicherer? Eher nicht. Hatte Latitude ein viel besseres Look & Feel als Foursquare und Swarm zusammen? Absolut! Wird Google mit dem neuen Update von Maps eine qualitativ hochwertige Alternative entwickeln? Davon ist auszugehen. Aber wer von uns hat sich von Facebook abgemeldet, weil wir dort immer noch auf einen Hamburgerbutton tippen müssen?

Ich mag Swarm. Und für solche Begegnungen wie vor ein paar Tagen in dem Kaffee bin ich gerne bereit, einen Teil meiner persönlichen Daten an Swarm zu verschenken. Wir dürfen gespannt sein, wie Foursquare die Kritik der Community in eine erfolgreiche Produktentwicklung umsetzten wird. Bis dahin bleibe ich bei Swarm.

Digitale Agenda – Der aktuelle Entwurf der Bundesregierung

Der Entwurf der Bundesregierung für die Digitale Agenda ist nun öffentlich. Der Text, den Netzpolitik.org veröffentlicht hat, ist hier als Dokument zum Nachlesen vollständig zusammengefasst.

DigitaleAgenda

Entwurf_DigitaleAgenda09072014

Nachtrag (31.07.2014):
Hier der aktuelle und ressortabgestimmte Entwurf der Digitalen Agenda vom 28.07.2014.
Entwurf_DigitaleAgenda28072014

Erzählt Geschichten!

Moderne Politiker sind gerne im Social Web präsent. Doch wenn die Kommunikation mit der Zielgruppe nicht stimmt, verfehlt die schönste Fanpage ihr Ziel. Über den nachhaltigen Erfolg in der digitalen Kommunikation entscheidet die Fähigkeit, seiner Community die richtigen Geschichten zu erzählen. Digital Storytelling ist eine Königsdiziplin im Social Web, die für die politische Kommunikation in den kommenden Jahren unverzichtbar sein wird.

Facebook-Geschichte des Bundesaußenministers: Frank-Walter Steinmeier auf dem Weg zu einem Krisengipfel mit offenem Ende.

Facebook-Geschichte des Bundesaußenministers: Frank-Walter Steinmeier auf dem Weg zu einem Krisengipfel mit offenem Ende. Bild: photothek.net.

Das Social Web besteht aus Communities

Politiker brauchen heute die digitale Sichtbarkeit im Social Web. Twitter ermöglicht ihnen den direkten Kontakt mit Journalisten und Wählern in Echtzeit, Facebook hilft ihnen bei dem Aufbau einer belastbaren Community für den nächsten Wahlkampf und Instagram sorgt für die Verbreitung ihrer aktuellen Fotos. Politiker, die im Social Web aktiv sind, zeigen sich offen für den Dialog und ihre Kompetenz, die aktuellen technologischen Herausforderungen der Gesellschaft zu beherrschen. Viele vergessen dabei aber, dass die Kommunikation im Social Web anders funktioniert als in klassischen Medien.

Das Social Web besteht aus Communities. Eine Community sind Menschen, die untereinander vernetzt und miteinander auf Augenhöhe kommunizieren. Sie teilen Fotos, Videos und Links, sie kommentieren, diskutieren und entwickeln Inhalte weiter. Das Social Web ist keine kommunikative Einbahnstraße sondern eine nie still stehende Beteiligungsplattform. Was die Communities verbindet sind die Geschichten, die sie sich erzählen. Dies sind nicht nur Lebensereignisse wie eine Hochzeit oder eine Geburt, sondern auch Bilder und Videos des letzten Wochenendausflugs, lesenswerte Links oder eine Statusmeldung kurz vor einer wichtigen Entscheidung. Im Social Web kommunizieren Menschen für Menschen.

Die Politik braucht Geschichten

Geschichten erzeugen Realität und schaffen Identifikation und Bindung. Sie vermitteln Wissen, Werte und Moral und definieren Personen, Kulturen und Nationen. Die große Kraft von Geschichten sind die Emotionen, die sie durch Worte, Bilder und Musik hervorrufen. Gute Geschichten sind personalisiert. Sie folgen einer Dramaturgie und erzählen authentisch vom Leben: vom Scheitern, von Herausforderungen, von Glück, von Intrigen, von Freundschaft, von Zweifeln und von Überraschungen. Sie berühren und unterhalten. Dadurch bleiben sie im Gedächtnis. Aber eignet sich diese Kommunikation für die Politik?

Der Alltag von Politik ist komplex. Neben einer anspruchsvollen Agenda  unterliegen politische Prozesse einer hohen Dynamik, Akteursdichte und Ereignistiefe, die sich nur wenigen Bürgern erschließt.  Politische Talkshows, Leitartikel und Sondersendung nähern sich dem politischen Prozess auf rationalem Weg. Sie sind zwar für den gesellschaftspolitischen Diskurs unersetzlich. Sobald die Politik die Menschen aber erreichen, aktivieren und binden möchte, ist der menschliche Zugang zu politischen Themen und ihren Akteuren unverzichtbar.

Die Kraft des Digital Storytelling

Im Social Web bedeutet Digital Storytelling zum einen die redaktionelle Aufbereitung von Inhalten. Digitale Medien werden klug miteinander verknüpft, um Informationen interaktiv zu vermitteln. Eingebettete Bewegtbilder, Panorama-Fotos oder interaktive Karten erweitern den Text um eine neue Erzähldimension. Innerhalb einer Geschichte kann der User zwischen mehreren Medien oder mehreren Blickwinkeln und Perspektiven auswählen. Das ist multidimensionales und multiperspektivisches Digital Storytelling. Der Klassiker multiperspektivischen Erzählens in der digitalen Welt ist das New York Times Feature „Snow Fall“ von John Branch, das im Jahr 2013 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet wurde. Aus Deutschland gibt es mittlerweile auch gut gemachte multidimensionale Reportagen wie die des Westdeutschen Rundfunks über die re:publica 2014 „Das Netz nach Snowden“.

Digital Storytelling beschreibt zum anderen den dramaturgischen Ablauf einer Geschichte im Social Web. Christopher Booker hat sieben Archetypen des Storytellings in seinem Klassiker „The Seven Basic Plots“ definiert. Zu ihnen gehört die Geschichte vom Tellerwäscher zum Millionär oder die Heldenreise. Jeder Archetyp zeichnet sich durch typische Charaktere und eigene Spannungsbögen aus. Die Verwendung von Archetypen ist kein Garant für erfolgreiches Storytelling. Das Konzept bietet aber ein gutes Grundgerüst, um eine eigene Narration zu finden.

Beide Konzepte des Digital Storytelling verstehen den User als einen frei entscheidenden Rezipienten. Er bestimmt selbst, mit welchen Informationen er sich zu welchem Zeitpunkt beschäftigt und welche Aspekte er mit welchem Medium vertieft. Ob eine Geschichte in gleicher Weise crossmedial über alle Social Media Kanäle erzählt, ob sie an den jeweiligen Kanal transmedial angepasst oder ob beide Methoden miteinander kombiniert werden, ist Geschmackssache. Nicht jede Geschichte funktioniert auf Twitter genauso gut wie auf Facebook. Manche strategischen Konzepte beginnen ihre Costumer Journey mit einer Kampagne auf Instagram und werden auf tumblr weiterentwickelt. Wichtig ist, dass die Geschichte die entscheidende Zielgruppe erreicht.

Über den Mut, Geschichten mit offenem Ende zu erzählen

Wie erfolgreiches Storytelling in der Politik funktioniert, zeigt seit einigen Monaten das Auswärtige Amt. Die Facebook Fanpage hat heute mehr als 39.200 Likes. Einzelne Beiträge erreichen bis zu 570 Likes und 70 Shares. Die Anzahl der Kommentare eines Beitrages ist teilweise so hoch, dass Facebook dem Leser die Auswahl zwischen „Top-Kommentare“ und „Letzte Aktivität“ gibt.

Das digitale Storytelling des Auswärtigen Amtes auf Facebook funktioniert aus drei Gründen: erstens, die Geschichten des Auswärtigen Amtes folgen einer klaren übergeordneten Narration: der Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier reist mit persönlichem Einsatz für Deutschland um die Welt, um Frieden zu sichern. Die einzelnen Beiträge über die Arbeit des Bundesaußenministers, über Auslandsvertretungen oder wiederkehrende Stories wie „Diplo-Sprache“ erhalten dadurch einen gemeinsamen Erzählrahmen.

 

Zweitens, das Social Media Team des Auswärtigen Amtes gewährt authentische und personalisierte Einblicke in die Arbeit des Bundesaußenministers. Die Geschichten unterscheiden sich von jenen, die in klassischen Medien erscheinen. Dadurch bekommt der User das Gefühl, über die Social Media des Auswärtigen Amtes exklusive Informationen zu erhalten und die Arbeit des Bundesaußenministers direkt mitzuerleben.

 

Drittens, das Social Media Team des Auswärtigen Amtes zeigt ein gutes Gespür für Spannungsbögen und dramaturgische Abläufe. Eine Sondersitzung des Bundesaußenministers wird in einzelne kurze Geschichten unterteilt: der Weg des Bundesaußenministers zum Flugzeug, das Warten im Verhandlungssaal und die persönliche Begrüßung der Verhandlungspartner. Die Redaktion greift die Dramaturgie realer Ereignisse für ihre Social Media Arbeit auf und entlastet sich dadurch in der Produktion von gutem Content. Sie lässt die User die Reise direkt miterleben und zeigt den Mut, Geschichten zu erzählen, von denen niemand weiß, wie sie enden werden. Dies sind die spannenden Geschichten im Social Web.

 

Keine Ausreden mehr

Das Beispiel des Auswärtigen Amtes zeigt, dass institutionelle Strukturen keine Hindernisse für erfolgreiches Digital Storytelling in der Politik sind. Wenn politische Kommunikation auch in Zukunft nah an den Menschen sein will, muss sie dort sein, wo die Menschen kommunizieren: im Social Web. Digital Storytelling kann komplexe Themen einfach vermitteln. Es kann die Wähler auf einer neuen Ebene erreichen, sie aktivieren und binden. Dies gilt nicht nur für den Wahlkampf sondern auch für die Legislaturperiode.

Geschichten müssen nicht erfunden werden. Sie geschehen jeden Tag und müssen nur richtig erzählt werden. Kluges Digital Storytelling bettet die kleinen Alltagsgeschichten wie den Besuch beim Kindergarten im Wahlkreis in eine übergeordnete Narration ein, die über Monate und Jahre schlüssig fortgeführt und weiterentwickelt werden kann. Je klarer und authentischer das digitale Profil definiert ist, desto einfacher ist es.

Dabei gilt der Grundsatzt: ausprobieren, weitermachen und der Community immer zuhören. Gelingt  das Digital Storytelling, bildet sich eine stabile Community, die dafür sorgt, dass die  Interaktionen mit dem digitalen Profil zunehmen und die digitale Sichtbarkeit steigt. Keine Ausreden mehr: erzählt Geschichten!

Smarte Helden

Anerkennung, Respekt und Toleranz – das sind nicht die ersten Attribute, die einem einfallen, wenn es um Social Media geht. Tatsächlich gibt es aber ehrenamtliches und soziales Engagement, das die digitalen sozialen Netzwerke nutzt, und erfolgreich dabei ist. Die Stiftung Digitale Chancen und Facebook haben deswegen den Smart Hero Award ins Leben gerufen. Mit ihm werden Smarte Helden ausgezeichnet, die Social Media klug in ihr ehrenamtliches und soziales Engagement für Anerkennung, Respekt und Toleranz einbinden.

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In diesem Jahr bin ich Jury-Mitglied des Smart Hero Awards. Als Jury haben wir in den kommenden Tagen die Aufgabe, die Preisträger in den Kategorien „Ehrenamtliches Engagement“, „Soziales Miteinander“ und „Bürgerschaftliche Beteiligung“ zu finden. Dafür haben wir klare und detaillierte Kriterien erhalten, nach denen wir die Bewerbungen beurteilen, darunter Qualität, Kreativität und Nachhaltigkeit.

Gleichzeitig wird ein Publikumspreis vergeben. Bis zum 11. Juni kann jeder mitmachen. Das geht so:

 

Aus insgesamt 97 Einreichungen haben es 12 Projekte geschafft, in die finale Auswahl zu kommen. Das Themenspektrum ist groß: von der Förderung der digitalen Teilhabe über Hilfe für Asylbewerber in Hellersdorf hin zur Koordinierung freiwilliger Helfer während der Flutkatastrophe in Passau im letzten Jahr. Dies ist die engere Auswahl:

Kategorie „Ehrenamtliches Engagement“

  • OpenTransfer – Wissenstransfersysteme zur Verbreitung sozialer Innovationen von der Stiftung Bürgermut
  • Wheelmap.org – Eine interaktive Karte zum Suchen, Finden und Markieren rollstuhlgerechter Orte von den Sozialhelden e.V.
  • Digital Helpers – Die Initiative von Digital Helpers e. V. verteilt von Unternehmen aussortierte Computer an sozial Bedürftige
  • Helfen WOLLEn – Stricken für Berlins Obdachlose von der Initiative „Helfen WOLLEn”

Kategorie „Soziales Miteinander“

  • mabacher.com – „Der kleinste Social Media Berater der Welt“ von Martin Habacher
  • Passau räumt auf – von der Initiative „Passau räumt auf“, die nach der Flutkatastrophe im Sommer 2013 die freiwilligen Helfer koordinierte
  • Teilzeitblogger – Videos und Blogs zu gesellschaftlichen und sozialpolitischen Themen von Marcel Dahms

Kategorie „Bürgerschaftliche Beteiligung“

  • GreenAction – die Kampagnen-Community von Greenpeace e. V.

Der Smart Hero Award steht unter der Schirmherrschaft des Ersten Bürgermeisters der Freien und Hansestadt Hamburg, Olaf Scholz. Aus diesem Grund wird die Preisverleihung am 1. Juli 2014 in der Landesvertretung Hamburg in Berlin stattfinden. Ich freue mich darauf!

Pressemitteilung: Smart Hero Award – die Nominierten stehen fest

Unser digitales Erbe

Unser digitales Leben ist ein Teil unserer Identität geworden. Wenn wir sterben, leben unsere Profile im Social Web weiter. Die Antwort, was mit unserem digitalen Erbe nach unserem Tod geschehen soll, ist nicht einfach. Denn im Social Web betrifft es gleichzeitig das digitale Leben anderer.

Walking

Wenn wir sterben, leben unsere digitalen Profile im Social Web weiter.

Es gibt eine neue To-Do-Liste für Angehörige von Verstorbenen

Es war an einem dieser schönen Frühlingstage im Mai, als ich mobil mehrere Anrufe von der Mutter eines Freundes erhielt. Meine beruflichen Termine waren an diesem Tag nahtlos aneinandergereiht. Erst am Abend, als ich gemeinsam mit Freunden auf einer Veranstaltung war, hatte ich Zeit, zurück zu rufen.

Sie entschuldigte sich, dass sie mich mehrfach angerufen habe, aber sie wolle mir Bescheid geben, dass ihr Sohn nicht mehr lebt. Er war in meinem Alter und erst vor kurzem haben wir noch auf Facebook miteinander gechattet. Ihm ging es seit Jahren nicht gut, deswegen kam die Nachricht nicht unerwartet. Sie kam aber plötzlich. Und so stand ich mitten im politischen Berlin, in einem Flur mit Blick auf das Catering und versuchte Worte für eine Mutter zu finden, die gerade ihren Sohn verloren hatte. Nach dem Telefonat verließ ich den Flur und mischte mich wieder unter die Menschen auf der Veranstaltung. Erst viel später kam die Nachricht bei mir an.

Wenige Tage nach dem Anruf wurde schnell klar, dass es neben den traditionellen Formalia einer Bestattung heute eine neue To Do Liste für die Angehörigen von Verstorbenen gibt: was soll aus den digitalen Profilen bei Facebook, Twitter und Xing werden? Die Familie entschied sich dafür, die Profile zu löschen und bat mich, alles dafür in die Wege zu leiten.

Das digitale Erbe erhalten – um jeden Preis?

Aber wie wird es sein, wenn die digitalen Profile dieses Freundes gelöscht werden? Auf Facebook wird er nicht mehr „mein Freund“ sein. Seine Bilder und Videos, seine Markierungen auf meinen Fotos, gemeinsame Veranstaltungen, unsere Chats und seine Kommentare werden vermutlich auch verschwinden. Die Löschung seines Profils wird direkte Auswirkungen auch auf meine digitale Geschichte bei Facebook haben. Er wird kein Teil meiner digitalen Erinnerungen mehr sein. Gleichzeitig ist die Vorstellung befremdlich und traurig zugleich, das Profil eines toten Freundes zu sehen.

Wir müssen uns die Frage stellen, wie wir mit unserem digitalen Erbe nach dem Tod umgehen wollen. Die Erinnerungen an den Menschen leben nach seinem Tod weiter – warum sollten nicht auch seine digitalen Erinnerungen weiter leben? Wenn ein digitales Profil datenkompetent angelegt ist und es keine privaten sondern nur persönliche Informationen, Bilder und Videos enthält, die alle öffentlich sein könnten, würde ein Profil auch ein schönes Erinnerungsalbum sein. Facebook hat für dieses Bedürfnis den Status „Gedenkzustand“ entwickelt: Das Profil bleibt erhalten und Stories können von Freunden weiter geteilt werden. Aber möchte man das?

Es gibt gute Gründe, digitale Profile von Menschen zu löschen, die nicht mehr leben. Das soziale Netzwerk wird vor skurrilen Freundesvorschlägen geschützt und die Inhalte des Toten sind nicht mehr zugänglich und dadurch nicht mehr teilbar. Klar ist, dass die personalisierten Daten, die soziale Netzwerke speichern, von Zweiten oder Dritten bereits weltweit verwendet und weiter genutzt werden.  Die Löschung eines Profils verhindert aber das Entstehen neuer Daten und schützt die digitale Identität des Toten.

Kein Recht auf Vergessen

Auch wenn es mir schwer fällt: ich werde die digitalen Profile meines verstorbenen Freundes löschen. Maßgeblich sind für mich dabei der Schutz der Familie und Freunde vor den skurrilen Aktivitäten von Algorithmen und der Schutz seiner persönlichen Inhalte und Daten. Seine Texte, Ereignisse, Fotos und Videos werde ich sichern, um sein digitales Erbe zu erhalten. Denn ein Recht auf das Löschen von Daten sollte es geben, nicht aber ein Recht auf Vergessen.


Foto: Marius Lordache (Wikimedia Commons, bearbeitet)

Wenn die Moral nicht wäre

Das politische Berlin hat ein neues Thema gefunden: Datensicherheit. Doch die Politik kann nur wenig bewegen, wenn die Community nicht beginnt, gemeinsam Lösungen für den digitalen Wandel der Gesellschaft zu entwickeln. Dafür braucht es einen moralfreien Diskurs über die technischen Möglichkeiten.

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Die Community braucht einen moralfreien Diskurs über die technischen Möglichkeiten des digitalen Wandels.

Das politische Berlin sucht nach Lösungen

Nachdem das Ausmaß klar war, in dem deutsche Bürger von US-Amerikanischen und britischen Geheimdiensten überwacht wurden, waren es zunächst NGOs und politische Stiftungen, die im Herbst letzten Jahres Konferenzen einberiefen, Aktivisten zusammen trommelten und anfingen, Datensicherheit und Privatsphäre auf die politische Agenda zu setzten. Seit die Regierung im Februar einigermaßen arbeitsfähig ist, haben auch Ministerien, Hauptstadtrepräsentanzen von IT- und Telekommunikationsunternehmen, Banken und Verbände begonnen, Veranstaltungsformate über Datensicherheit zu entwickeln. Kaum eine Sitzungswoche vergeht, in der nicht mindestens drei Veranstaltungen von namenhaften Akteuren in der Hauptstadt stattfinden.

Die Public Affairs Abteilungen der Unternehmen zeigen mit ihren Kommunikationsstrategien dabei viel Kreativität, von „Wir sind selbst Opfer von chinesischen Hackern“ über „Wir sind nicht böse, mit uns kann man reden“ bis hin zu „Bei uns sind Daten sicher, nur die Politik muss etwas tun“. Manche dieser Veranstaltungen zwingen einen, die Sinnfrage zu stellen. Nur wenige Unternehmen haben das Thema rechtzeitig verstanden und pflegen seit Jahren den aufrichtigen Dialog mit Digitalen und Politikern. Sie profitieren jetzt von ihrem stabilen Netzwerk. Und die Politik?

Mit der 18. Legislaturperiode sind fraktionsübergreifend einige junge, engagierte Politiker im Bundestag, die den digitalen Wandel der Gesellschaft gestalten wollen. Mit dem NSA-Untersuchungsausschuß können sie zwar die Themen in der öffentlichen Wahrnehmung halten und mit dem Breitbandausbau oder der Förderung der digitalen Bildung von Kindern und Lehrern wichtige Schritte gehen. Doch der Koalitionsvertrag und die Befugnisse des Ausschusses Digitale Agenda haben ihnen enge Grenzen gesetzt. Wie soll die Politik auch etwas bewegen, wenn nicht einmal die Community Lösungen entwickelt?

Es ist unser Thema

Wir, die wir täglich im Neuland arbeiten, wissen selbst noch nicht, wie wir mit der Moral in unserem Job umgehen sollen. Die Schockphase nach den Snowden-Veröffentlichungen dauerte lange und nur wenige sind heute bereit, über konkrete Lösungen nachzudenken. Die meisten von uns werden morgen früh aufstehen und wieder alles aus Google Analytics und Radian6 herausholen, raffinierte Algorithmen für Jobs entwickeln, neue Datawarehouses aufsetzen und nicht darüber nachdenken, was wir getan haben. Dabei müssen wir kein schlechtes Gewissen haben. Denn nur, wenn wir weiter Experten der Technologien bleiben, können wir Lösungen für die Herausforderungen des digitalen Wandels der Gesellschaft finden.

Das neue Thema im politischen Berlin ist unser Thema. Es ist jetzt der richtige Zeitpunkt, mit politischen Akteuren in den Dialog zu treten und wichtige Weichen zu stellen, wie die Politik in den kommenden Jahren mit Datensicherheit, Privatsphäre und dem digitalen Wandel der Gesellschaft umgehen soll. Solange wir uns aber nicht zusammenschließen, kann die Politik kaum etwas anderes tun, als Kompetenzen aufzubauen, zu Veranstaltungen zu gehen und das neue Thema auf der politischen Agenda zu halten.


Foto: Rob H. (Wikimedia Commons)

Das Hashtag und die Politik

Twitter ist in der deutschen Politik ein wichtiges Informationsmedium. Hashtags helfen Tweets zu filtern und die Informationen für Journalisten, politische Akteure und Multiplikatoren zugänglich zu machen. Deswegen ist ein gutes Hashtag in der Politik eindeutig, nachvollziehbar und zielgruppenorientiert definiert.

Das Hashtag – die Kapitelüberschrift im Social Web

Twitter ist derzeit das schnellste Nachrichtenmedium und das gründlichste Archiv zugleich. Politische Ereignisse wie die Konstituierung des 18. Deutschen Bundestages konnten in Echtzeit unter #btkonst13 mitgelesen werden. Tweets zur NSA-Affäre sind unter dem Hashtag #nsa zu finden und die politischen Prozesse rund um den parlamentarischen Ausschuss Digitale Agenda lassen sich unter #btada verfolgen. Kein Tweet geht verloren, auch wenn er gelöscht wird.

Das Hashtag - die Kapitelüberschrift im Social Web.

Das Hashtag – die Kapitelüberschrift im Social Web.

Hashtags funktionieren im Social Web wie Kapitelüberschriften. Postings, die das gleiche Hashtag enthalten, werden dem selben digitalen Kapitel zugeordnet. Dabei machen die Rauten keinen Unterschied zwischen Veranstaltungen wie der Computermesse #cebit, Themen wie dem Berliner Flughafen #BER, spontanen Emotionen wie #orr oder Kommentaren wie #wasfehlt. Hashtags funktionieren nicht nur bei Twitter, sondern auch bei anderen sozialen Netzwerken wie Facebook, Google+, Instagram, Flickr oder Tumblr. Mit leichten Einschränkungen lassen sich die Rauten deswegen auch crossmedial einsetzen.

In der Politik sortieren Hashtags Ereignisse, Veranstaltungen, Themen und politische Prozesse. Sie sorgen dafür, dass die Informationen in den täglich abgesendeten Tweets von politischen Akteuren nicht untergehen. Hashtags machen die Statements von Politikern und Parteien transparent und für Journalisten, Politiker, Wissenschaftler und Think Tanks wiederauffindbar. Doch nicht jedes Hashtag setzt sich durch oder erreicht seine Zielgruppe.

Eigenschaften für ein gutes Hashtag in der Politik

Damit ein Hashtag als Kapitelüberschrift im Social Web funktioniert und eine möglichst hohe Reichweite erzielt, sind drei Eigenschaften wichtig: erstens, ein gutes Hashtag ist eindeutig. Es bezeichnet präzise, um was es geht. Die Verwechselung mit anderen Themen, Parteien, Veranstaltungen oder Ländern ist ausgeschlossen. Ein gutes Beispiel ist das Hashtag der CSUnet-Convention in München #csunetcon14. Dieses Hashtag macht klar, dass es um eine Veranstaltung der CSU geht, greift den Namen der Veranstaltung „net-Convention“ auf und sortiert die Tweets gleichzeitig in das Jahr 2014 ein.

Zweitens, ein gutes Hashtag ist nachvollziehbar. Die Abkürzung, die als erstes einfällt, ist oft die richtige Wahl. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Hashtag der vergangenen Bundestagswahl #btw13. Die Abkürzung „btw“ ergibt sich aus dem Wort „Bundestagswahl“ und ordnet die Tweets zeitlich dem Wahljahr 2013 zu. So können Journalisten, Wissenschaftler, Think Tanks und Parteizentralen bei ihren Recherchen für kommende Wahlkämpfe schnell die Statements von Politkern aus dem Bundestagswahlkampf 2013 wiederfinden.

Ein gutes Hashtag ist drittens von der Zielgruppe leicht zu finden. Hierbei hilft es sich zu fragen, wie die Zielgruppe denkt und wonach sie suchen würde. Journalisten denken oftmals viel pragmatischer als Parteien. Auf der Suche nach Tweets zu einem Parteitag würden sie ein Hashtag suchen, das den Parteinamen wie FDP oder SPD und das Kürzel „pt“ enthält. Jede Variante ist möglich. Allerdings verliert das Hashtag an Reichweite, je spezifischer es hergeleitet wird.

Die Würze liegt nicht in der Kürze

Tweets sind auf 140 Zeichen begrenzt. Deswegen ist es richtig und wichtig, dass ein Hashtag kurz ist. Verliert es mit der Kürze aber seine eindeutige Zuordnung, seine Nachvollziehbarkeit oder seinen Zugang zur Zielgruppe, benötigt es mehr Zeichen. Bei Hashtags gilt: Die Würze liegt nicht in der Kürze, sondern in seiner Eindeutigkeit. Die Eindeutigkeit erhöht nicht nur die Reichweite, sondern auch die Chance, dass ein Hashtag parteiübergreifend akzeptiert und verwendet wird.

Das Hashtag für alle Tweets zur 18. Legislaturperiode #wp18 hat sich mit vier Zeichen weniger fraktionsübergreifend durchsetzen können als das neun Zeichen lange Hashtag #btkonst13, unter dem alle Tweets zur Konstituierung des 18. Deutschen Bundestages zu finden sind. Das Hashtag zur net-Convention der CSU #csunetcon14 besteht sogar aus 11 Zeichen.

Konsequent bleiben

Hashtags sind eine tolle Möglichkeit, Politik zu machen und zu beobachten. Je eindeutiger ein Hashtag definiert ist, desto größer ist sein Mehrwert. Wichtig ist, dass ein Hashtag nicht mehr geändert wird. Auch wenn es nicht optimal gewählt wurde, ist die konsequente Verwendung unablässlich, damit alle Tweets in das gleiche digitale Kapitel abgelegt werden. Ist dies nicht der Fall, sinkt die Reichweite und das Monitoring wird sehr zeitaufwendig.

Für die Definition eines Hashtags im politischen Raum lohnt es sich, kurz über das Hashtag nachzudenken und es dann mit der Einladung zur Veranstaltung oder mit der Pressemitteilung klar zu kommunizieren.


Weiterführende Links:
“Die Kommunikationsstruktur von Twitter”
Twitter besteht aus Teilöffentlichkeiten: “Ruhe bewahren und weiter Twittern”
“Hashtags rund um den Bundestag”, das Blog von Frank Bergmann
Tools für das Monitoring und zur Optimierung von Hashtags, t3n

Die Kommunikationsstruktur von Twitter

Vor kurzem veröffentlichten die Forscher Marc A. Smith, Lee Rainie, Ben Shneiderman und Itai Himelboim eine Studie über die Kommunikationsstruktur des digitalen Netzwerks Twitter. Mit Hilfe der Software NodeXL Social Network Maps definierten sie sechs Archetypen von Kommunikationsnetzwerken, die sich durch ihre Form und ihr Kommunikationsverhalten voneinander unterscheiden. Smith et al. zeigten auch, dass die Viralität von Nachrichten auf Twitter von zwei zentralen Key Usern gesteuert werden.

Smith et al.: Die Kommunikationsnetzwerke von Twitter.

Smith et al.: Die Kommunikationsnetzwerke von Twitter.

Das gemeinsame Forschungsprojekt des Pew Research Center Internet Project und der Social Media Research Foundation war zeitlich stark begrenzt und fast ausschließlich auf Themen und Nutzer in den USA ausgerichtet. Deswegen sind ihre Erkenntnisse nicht auf die Kommunikationsstruktur von Twitter im deutschen Sprachraum übertragbar. Trotzdem ist die Studie spannend, da sie Teilöffentlichkeiten und die Kommunikationsstrukturen von einzelnen Netzwerken auf Twitter detailliert beschreibt.

Die Key User: Hubs und Bridges

Smith et al. unterscheiden sechs Archetypen von Kommunikationsstrukturen auf Twitter: Polarized Crowd (1), Tight Crowd (2), Brand Clusters (3), Community Clusters (4), Broadcast Network (5) und das Support Network (6). Die verschiedenen Netzwerke entstehen durch die Art und Weise, wie die einzelnen Teilnehmer einander folgen, wie sie durch Mentions und Retweets aufeinander Bezug nehmen und welche Quellen sie zitieren.

Manche Nutzer werden öfter erwähnt, zitiert oder retweetet als andere. Diese Key User nennen Smith et al. „Hubs“. Hubs sind in einem Kommunikationsnetzwerk die kommunikativen Drehscheiben. Sie sorgen dafür, dass digitale Inhalte eine hohe Anzahl von Nutzern verlässlich erreichen. Eine andere Gruppe von Key Usern bauen kommunikative Brücken zu anderen Kommunikationsnetzwerken, die „Bridges“. Durch sie erschließen Tweets neue Netzwerke, in denen die Inhalte weiterverbreitet werden. Viralität entsteht dann, wenn Inhalte einerseits durch Hubs eine große Anzahl an Nutzern erreichen und sie andererseits die Grenzen von Kommunikationsnetzwerken durch die Bridges überschreiten und so neuen Nutzergruppen zugänglich werden.

Die Polarized Crowd

Das erste Kommunikationsnetzwerk, die Polarized Crowd, besteht aus zwei in sich geschlossenen Unterhaltungsgruppen. Obwohl beide Gruppen über dasselbe Thema sprechen, kommunizieren sie kaum oder gar nicht miteinander und verwenden verschiedene Informationsquellen und Hashtags. User, die sich dem politisch konservativen Lager zugehörig fühlen, nennen eher konservative Quellen, während User, die sich dem politisch liberalen Lager zugehörig fühlen, nicht-konservative Quellen zitieren.

Smith et al. beobachteten die Polarized Crowd bei politischen Themen. Sie untersuchten das Kommunikationsnetzwerk auf Twitter zur Obama-Kampagne #My2k gegen das Überschreiten der Fiskalklippe zwischen dem 06. Und 08. Januar 2013 und dem Hashtag  #Sequester, bzw.  #Sequestration am 11.03.2013.

TwitterKommunikationsnetzwerk1-My2k-Map

Die Polarized Crowd anhand des Hashtags My2k.

Die Tight Crowd

Eine hohe Interaktionsdichte zeigt das zweite Kommunikationsnetzwerk, die Tight Crowd. Fast alle Nutzer kommunizieren miteinander. Die Tight Crowd entsteht zu spezialisierten Fachthemen und während Konferenzen. Die Teilnehmer unterstützen sich gegenseitig und lernen voneinander. Smith et al. untersuchten die Tight Crowd anhand des Hashtags von Digital Community Manager #CMGRChat zwischen dem 14. und 18. Januar 2013 sowie des Hashtags der Modern Language Association Conference #MLA zwischen dem 3. und dem 6. Januar 2013.

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Die Tight Crowd des Hashtags CMGRChat.

Das Brand Cluster

Das dritte Kommunikationsnetzwerk, das Brand Cluster, setzt sich aus Usern zusammen, die über bekannte Marken schreiben. Mit Marken sind in der Studie sowohl Konsumgüter als auch einzelne Personen wie Sportler oder Celebrities gemeint. Die Teilnehmer des Brand Clusters kommunizieren stets isoliert voneinander. Je größer die Anzahl der Menschen, die über eine Marke sprechen, desto geringer ist ihre Interaktionsdichte. Dies zeigten die Untersuchungen von Smith et al. zur Marke #Apple am 15. Mai 2013 und zu #Cisco am 9. Januar 2013.

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Das Brand Cluster zum Hashtag Apple.

Das Community Cluster

Das Community Cluster ist der vierte Archetyp. Wie auf einem Basar gibt es zu einem speziellen Thema viele mittelgroße eigenständige Kommunikationseinheiten, die aber voneinander abgegrenzt sind. Sie verfügen über jeweils eigene Aktivitätszentren. Smith et al. untersuchten diese Struktur anhand des Hashtags der Fist Lady of the United States #FLOTUS am 18. Januar 2013 und dem Hashtag der Consumer Electronics Show #CES2013 am 08. Januar 2013.

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Das Community Cluster zum Hashtag FLOTUS.

Das Broadcast Network

Kommunikationsnetzwerke zur aktuellen Berichterstattung von TV-Sendern oder zu beliebten Fernsehformaten nennen Smith et al. Broadcast Network. Obwohl die Nutzer sich in diesem fünften Archetyp zitieren und auch retweeten, sind sie kaum miteinander verbunden, sondern folgen überwiegend nur dem offiziellen Twitteraccount des Fernsehsenders oder des Fernsehformats. Innerhalb des Broadcast Network können Subgruppen entstehen, die sich über die Formate unterhalten. Diese „Groupies“ sind stärker miteinander vernetzt als das Broadcast Network. Smith et al. stellten diese Struktur am 11. Januar anhand des Hashtags von New York Times Kolumnist Paul #Krugmann und der WWF-Kampagne #KillTheTrade zwischen dem 9. und dem 16. Januar 2013 fest.

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Das Broadcast Network zum Hashtag Krugmann.

Das Support Network

Der sechste Archetyp, das Support Network, entsteht durch den Account eines Unternehmens, der Anfragen und Probleme von Kunden beantwortet und weiterleitet. Charakteristisch für das Support Network ist die „hub and spoke“ Kommunikationsstruktur: ein einzelner User kommuniziert zu einer großen Anzahl von einzelnen Usern,  die voneinander vollkommen isoliert sind. Dies haben die Forscher anhand des Kundenservice von Dell #DellListens und #DellCares zwischen dem 12. Und 19. Januar 2013 und anhand von #VirginAmerica zwischen dem 9. Und 16. Januar 2013 untersucht.

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Das Support Network zum Hashtag Virgin.

Es bleiben offene Fragen

Smith et al. betonen, dass ihre Ergebnisse nicht auf das weltweite Netzwerk von Twitter übertragen werden können, denn sie zeigen nur einen zeitlich und geographisch minimalen Ausschnitt der Unterhaltungsstrukturen. Eine Langzeitstudie und eine Analyse von Kommunikationsstrukturen in einzelnen Sprachräumen oder Ländern könnten hier weiterhelfen.

Zwei Fragen bleiben offen: erstens, ob die Ergebnisse aus der Analyse von zwei Hashtags pro Archetyp reliabel sind und ob eine Untersuchung von vergleichbaren Hashtags bei gleichen Rahmenbedingungen zum selben Ergebnis führt. Zweitens, ob die Auswahl der Hashtags zu den übergeordneten Netzwerken passen. Besonders bei der Broadcast Community stellt sich die Frage der Validität und ob mit den Hashtags #Krugmann und #KillTheTrade wirklich eine Broadcast Community erfasst wurde.

Trotz der noch offenen Fragen bestätigt die Studie von Smith et al., dass das soziale Netzwerk Twitter aus differenzierten Teilöffentlichkeiten besteht, die sich nicht nur nach Länder- oder Sprachgrenzen unterscheiden, sondern auch nach ihren sozialen Strukturen, ihrem Kommunikationsverhalten und ihren Themen.


Studie:
“Mapping Twitter Topic Networks: From Polarized Crowds to Community Clusters”
Untersuchungsdesign
Ergebnisse der einzelnen Hashtags und Kommunikationsnetzwerke
Conclusion

Quelle der Bilder und Grafiken:
“Mapping Twitter Topic Networks: From Polarized Crowds to Community Clusters”

Trefft euch!

Nicht jedem Arbeitgeber ist klar, wofür seine Kommunikationsberater, Digital Strategists und Social Media Manager ihre wertvolle Arbeitszeit auf Barcamps, Social Media Weeks und der re:publica verbringen sollen. Dabei gibt es gute Gründe, warum für die digitale Welt die regelmäßigen Fortbildungsmaßnahmen unverzichtbar sind und anders funktionieren als in klassischen Berufen.

Unsere Lehrbücher sind veraltet

Kaum eine Branche entwickelt sich so dynamisch wie die IT. Täglich wird die digitale Infrastruktur optimiert und weiter entwickelt. Neue Tools verändern das Kommunikationsverhalten der Menschen und damit unsere Strategien, die einzelnen Zielgruppen zu erreichen: Könnt ihr noch sagen, ob euch gestern im Bus jemand gegenüber saß? Oder erinnert ihr euch eher an die WhatsApp-Nachricht, die ihr während der Fahrt gelesen habt?

Lehrbücher, in denen steht, wie wir mit den aktuellen Herausforderungen umgehen können, gibt es nicht. Und wenn doch, dann sind sie nach einem halben Jahr veraltet. Deswegen brauchen besonders wir Digitale die Möglichkeit, uns mit Kollegen zu treffen und über aktuelle Themen zu diskutieren: Was sagen die Zahlen der Webanalyse wirklich aus, wie funktioniert eine gute Costumer Journey und welcher Umgangston mit Trollen um alles in der Welt ist der geeignetste, wenn man für ein Unternehmen kommuniziert?

Der Arbeitgeber profitiert

Wir treffen uns, um voneinander zu lernen, unsere Erfahrungen miteinander zu teilen und ein starkes Netzwerk für zukünftige Herausforderungen aufzubauen. Und das kann schon mal eine ganze Woche dauern, wie auf einer Social Media Week. Das fehlende durchstrukturierte Veranstaltungsprogramm, das alte Industriegebäude als Tagungsort, die wuselige Kreativatmosphäre und die große Anzahl junger Speaker dürfen keine Argumente gegen Barcamps & Co sein. Sie sind Ausdruck einer Community, die täglich neue Lösungen für die digitale Welt entwickelt.

Von unserem Netzwerk profitiert auch unser Arbeitgeber. Der Blick über den Tellerrand hinaus erweitert unseren Horizont. Damit können wir neue Lösungen für unsere Kunden finden und in Pitches einen Schritt vor unseren Mitbewerben sein. Diese Innovationskraft ist es, die uns von anderen Anbietern unterscheidet.

Du bist nicht allein

Bei den Veranstaltungen sind wir unter Gleichgesinnten, für die das Social Web so selbstverständlich ist, wie Schuhe zu tragen. In der Anmeldeschlange treffen wir alte Bekannte, an der Akkuaufladestation diskutieren wir mit unserem Nachbarn über die letzte Session und auf dem Weg zum nächsten Panel begegnen wir unserem Guru, dem wir schon seit 5 Jahren auf Twitter folgen.

Neue Menschen kennen zu lernen ist dabei ganz einfach, weil wir alle gleichermaßen zu der bunten Community gehören. Bei den komplexen dynamischen Herausforderungen, denen wir uns jeden Tag stellen, tut es richtig gut, auf diesen Veranstaltungen tollen Menschen zu begegnen, die so sind wie wir: ein bißchen nerdig, total social und richtig happy.

Hingehen:
Barcamps
re:publica 2014
Social Media Week